Das eigene Kreuz und das Kreuz Christi

(Zu Band 6) Ein Kapitel aus dem Band „Asketische Erfahrungen“

Der Herr sprach zu Seinen Jüngern:

Wenn einer hinter Mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.

(Mt 16,24)

Was bedeutet „sein Kreuz“? Warum werden diese Kreuze, die „eigenen Kreuze“ eines jeden Einzelnen also, zusammen das „Kreuz Christi“ genannt?

Das „eigene Kreuz“ – das sind die Sorgen und Leiden des irdischen Lebens, die jeder Mensch hat.

Das „eigene Kreuz“ – das sind Fasten, Nachtwachen und andere fromme Werke, durch die sich das Fleisch demütigt und dem Geist unterwirft. Diese asketischen Werke sollen den Kräften eines jeden entsprechen, und jeder hat seine eigenen.

Das „eigene Kreuz“ – das sind die sündigen Gebrechen oder Leidenschaften, die jeder Mensch hat! Mit einigen von ihnen werden wir geboren, mit anderen werden wir auf unserem irdischen Lebensweg infiziert.

Das „Kreuz Christi“ – das ist die Lehre Christi.

Nichtig und fruchtlos ist das „eigene Kreuz“, so schwer es auch sein mag, wenn es nicht durch die Nachfolge Christi in das „Kreuz Christi“ verwandelt wird.

Das „eigene Kreuz“ wird dem Jünger Christi zum „Kreuz Christi“, weil der Jünger Christi fest davon überzeugt ist,

  • dass Christus unermüdlich über ihn wacht,
  • dass Christus ihm Bedrängnisse als notwendige und unvermeidliche Bedingung seines Christseins zulässt,
  • dass keinerlei Drangsal ihm nahekommen könnte, wenn sie nicht von Christus zugelassen würde,
  • dass ein Christ sich durch diese Bedrängnisse mit Christus verwandt macht und zum Teilhaber Seines Schicksals wird, auf Erden und also auch im Himmel.

Das „eigene Kreuz“ wird dem Jünger Christi zum „Kreuz Christi“, weil der wahre Jünger Christi die Erfüllung der Gebote Christi als einziges Ziel seines Lebens betrachtet. Diese allheiligen Gebote werden ihm zum Kreuz, an dem er beständig seinen alten Adam mit seinen Leidenschaften und Begierden (Gal. 5,24) kreuzigt.

Daraus wird deutlich, warum man sich bis zur Aufopferung seiner Seele selbst verleugnen muss, um das Kreuz anzunehmen.

Die Sünde ist so tief und ausgreifend in unserer gefallenen Natur verwurzelt, dass der Logos Gottes nicht aufhört, sie die „Seele“ des gefallenen Menschen zu nennen.

Um das Kreuz zu schultern, muss man zuerst dem Körper all seine eitlen Wünsche verweigern und ihm nur das Lebensnotwendige belassen; man muss die eigene Wahrheit als schlimmste Unwahrheit vor Gott anerkennen und die eigene Vernunft als vollkommene Unvernunft; schließlich, wenn man sich mit ganzer Glaubenskraft Gott verschrieben hat, muss man sich dem unablässigen Studium des Evangeliums widmen und dem eigenen Willen entsagen.

Wer solch eine Selbstentsagung vollzogen hat, der ist fähig, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Im Gehorsam vor Gott, in der Anrufung Seiner Hilfe zur Stärkung der eigenen Schwachheit, blickt ein solcher ohne Angst und Unruhe auf die herannahenden Prüfungen; er bereitet sich großmütig und tapfer darauf vor, sie zu ertragen, und hofft, dadurch Teilhaber an den Leiden Christi zu werden; erreicht das mystische Bekenntnis zu Christus nicht allein mit Herz und Verstand, sondern durch seine Werke selbst, durch das Leben selbst.

Das Kreuz ist so lange eine Last, wie es das eigene Kreuz bleibt.

Wenn es in das Kreuz Christi verwandelt wird, erhält es eine außergewöhnliche Leichtigkeit:

Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht, sagte der Herr.

(Mt 11,30)

Ein Jünger Christi schultert dann sein Kreuz, wenn er die ihm von der göttlichen Vorsehung gesandten Prüfungen als verdient annimmt.

Ein Jünger Christi trägt dann sein Kreuz richtig, wenn er erkennt, dass gerade die ihm gesandten Bedrängnisse, und keine anderen, für seine Heranbildung in Christus und für sein Heil notwendig sind.

Das geduldige Tragen des eigenen Kreuzes bedeutet, die eigene Sünde wahrhaft zu sehen und zu erkennen. In einem solchen Bewusstsein gibt es keine Selbsttäuschung. Wer sich dagegen als Sünder anerkennt, dabei jedoch unter seinem Kreuz murrt und aufbegehrt, beweist damit, dass er nur mit einem oberflächlichen Sündenbewusstsein kokettiert und sich selbst betrügt.

Das geduldige Tragen des eigenen Kreuzes ist wahre Buße.

Du am Kreuz Gekreuzigter! Bekenne vor dem Herrn die Gerechtigkeit Seiner Beschlüsse. Rechtfertige das Urteil Gottes, indem du dich selbst beschuldigst, und du wirst die Vergebung deiner Sünden erhalten.

Du am Kreuz Gekreuzigter! Erkenne Christus – und die Tore des Paradieses werden sich vor dir öffnen.

Von deinem Kreuz herab verherrliche den Herrn, indem du jeden Gedanken an Auflehnung und Murren verwirfst und derartiges als Verbrechen und Gotteslästerung ablehnst.

Von deinem Kreuz herab danke dem Herrn für dieses unschätzbare Geschenk, für dein Kreuz, für dein kostbares Los, für das Los, Christus in deinem Leiden nachzuahmen.

Von deinem Kreuz herab sei Theologe: Denn das Kreuz ist die wahre und einzige Schule, der Bewahrort und Thron der wahren Theologie.

Außerhalb des Kreuzes gibt es keine lebendige Erkenntnis von Christus.

Suche nach christlicher Vollkommenheit nicht in menschlichen Tugenden. Es gibt sie dort nicht: Sie ist im Kreuz Christi verborgen.[1]

Dein Kreuz verwandelt sich in das „Kreuz Christi“, wenn du es als Jünger Christi im aktiven Bewusstsein deiner nach Strafe schreienden Sündhaftigkeit trägst – Christus dankend, Christus verherrlichend. Aus Lob und Dank erwächst dem Leidenden geistlicher Trost; Danksagung und Lob werden zur ergiebigsten Quelle unbegreiflicher, unvergänglicher Freude, die gnadenhaft im Herzen brodelt, sich in die Seele ergießt, sich in den ganzen Körper ergießt.

Das Kreuz Christi ist nur seiner äußeren Erscheinung nach, für fleischliche Augen, ein grausamer Weg. Für die Jünger und Nachfolger Christi ist es ein Weg höchster geistlicher Freude. Diese Freude ist so groß, dass der Kummer vollständig von der Freude übertönt wird und ein Nachfolger Christi noch inmitten der heftigsten Schicksalsschläge reine Freude empfindet.[2]

Die junge Maura sagte zu ihrem jungen Ehemann Timotheus, der schreckliche Qualen litt und sie einlud, am Martyrium teilzunehmen: „Ich habe Angst, mein Bruder, dass ich in Furcht geraten könnte im Angesicht der schrecklichen Qualen und des wütenden Herrschers, dass mein Dulden sich erschöpfen könnte meiner Jugend wegen.“ Der Märtyrer antwortete ihr: „Vertraue auf unseren Herrn Jesus Christus, und deine Qual wird für dich sein wie Öl, das auf deinen Körper ausgegossen wird, und wie ein Hauch von Tau auf deinen Gliedern, der all deine Schmerzen lindert.“[3]

Das Kreuz ist die Macht und Herrlichkeit aller Heiligen seit jeher. Das Kreuz ist der Heiler der Leidenschaften, der Verderber der Dämonen.

Das Kreuz ist tödlich für diejenigen, die ihr Kreuz nicht in das Kreuz Christi verwandelt haben, die von ihrem Kreuz aus über die göttliche Vorsehung schimpfen und sie lästern, die sich der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hingeben. Nichtbekennende und reuelose Sünder sterben an ihrem Kreuz einen ewigen Tod und verlieren ihrer fehlenden Duldsamkeit wegen das wahre Lebens, das Leben in Gott. Sie werden nur von ihrem Kreuz abgenommen, um sogleich mit ihrer Seele in das ewige Grab hinabzusteigen: in die Verliese des Hades.    

Das Kreuz Christi erhebt den daran gekreuzigten Jünger Christi über die Erde. Der an seinem Kreuz gekreuzigte Jünger Christi ist in Gedanken bei Höherem, lebt mit Nous und Herz im Himmel und betrachtet die Geheimnisse des Geistes in Christus Jesus, unserem Herrn.

Wenn einer hinter Mir hergehen will, sagte der Herr, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.

Amen.


[1]  Ehrw. Markos der Asket: Über das geistliche Gesetz, Kap. 31. (Philokalie)

[2] Ordnung der zwölf Psalmen, Gebet des heiligen Eustratios

[3] Synaxarion am 3. Mai

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