Regeln für das Verhalten der Novizen

 

(Zu Band 3, Erster Abschnitt) Das Vermächtnis des heiligen Ignatij „An die Asketen von heute“ wird im Original mit den nachfolgenden Verhaltensregeln für noch unerfahrene Mitbrüder eingeleitet. Aus praktischen Gründen veröffentlichen wir diese Regeln hier ans dieser Stelle. Das „Vermächtnis“ selbst widmet sich der seelischen Praxis und gibt unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Randbedingungen wertvolle Hinweise für das rechte Maß und die Bewahrung des Geistes und der Seele bei asketischen Übungen.

Einleitung

Es ist eine von den heiligen Vätern überlieferte Regel der Kirche, in allem das rechte Maß zu wahren. Das Typikon verweist diesbezüglich auf die heiligen Väter insgesamt und gibt anschließend einen bemerkenswerten Spruch des heiligen Ephraim des Syrers wieder: Großes Unglück droht dort, wo nicht verbindlichen Regeln das Zusammenleben ordnen.[1] Aus diesem Grunde legen wir unseren geliebten Mitbrüdern, den jungen Mönchen, die nachfolgenden Verhaltensregeln nahe.

Regeln

1.

Die heiligen Väter haben das Kloster ein Krankenhaus genannt.[2] In der Tat: das Kloster ist eine sittliche Heilanstalt. Wir kommen aus Welt zum Kloster, um unsere sündigen Gewohnheiten, die wir im weltlichen Leben angenommen haben, hinter uns zu lassen und fern des Einflusses der Versuchungen, von denen die Welt übervoll ist, wahrhaftig christ­liche Gewohnheit und Verhalten zu erlernen. Für dieses wahrhaftig christliche Leben auf Erden hoffen wir, ewige Glückseligkeit im Himmel zu erlangen. Deshalb dürfen wir keine Anstrengung scheuen, um das Ziel zu erreichen, für das wir ins Kloster eingetreten sind, und damit unser Klosterleben zu unserer Rettung diene, nicht aber den Grund für eine noch härtere Verurteilung vor dem Richterstuhl Christi werde.[3]

2.

Wer in ein Krankenhaus aufgenommen wird, erklärt sich einverstanden, in allem die Anweisungen des Arztes zu befolgen, und sich dabei keine Eigenwilligkeiten hinsichtlich der Nahrung, Kleidung, Bewegung oder Arzneien zu erlauben; andernfalls wird er sich schaden statt nützen: Ebenso muss jeder, der in ein Kloster ein­tritt, sich daran halten, nicht jene asketischen Werke und Übungen zu tun, die ihm selbst als notwendig und heilsam erscheinen, sondern jene, die ihm vom Vorsteher selbst oder durch andere dazu Befugte des Klosters angewiesen und auferlegt werden.[4]

3.

Die Übungen und Pflichten im Kloster werden ganz allgemein Gehorsamsdienste genannt. Diese Dienste müssen mit aller Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausgeführt werden, im Glauben, dass gerade solcherart Befolgung für unsere Errettung unumgänglich ist. Die Verrichtungen im Kloster heißen ja gerade deshalb Gehorsamsdienste, weil sie damit verbunden sind, den eigenen Willen und die eigenen Überlegungen aufzugeben. Aus diesem Grund wird unser Gewissen unablässig geprüft, während wir solche Dienste verrichten. Das Ergebnis solcher Einübung in die Gehorsamsdienste ist wahre Demut und geistliche Vernunft. Sämtliche Werke, wie großartig sie auch sein mögen, die aus Eigenwillen oder einer Laune heraus und womöglich im Ungehorsam verrichtet werden, tragen dagegen nicht nur keinerlei geistlichen Früchte, sondern lassen bei einem Mönch den Hochmut und Stolz, aus dem solche Werke entspringen, ganz außerordentlich gedeihen, so dass er sich schließlich vollkommen von einer gnadenhaften christlichen Geisteshaltung, das heißt von der Demut im Sinne des Evange­liums abwendet. Der heilige Cassianus sagt dazu: Die wichtigste Sorge eines Altvaters, dem Novizen anvertraut sind, besteht darin, dass der Novize zu allererst die eigenen Wünsche zu beherrschen lernt. Denn dadurch kann er, Schritt für Schritt angeleitet, die Höhen größter Vollkommenheit erreichen. Wenn er den Anfänger sorgfältig darin üben will, gibt der Altvater ihm ab­sichtlich Aufgaben, von denen er weiß, dass sie dessen Willen zuwiderlaufen. Die großen ägyptischen Väter lehren, aus vielfacher Erfahrung weise geworden, dass ein Mönch, insbesondere wenn er jung ist, seine Sinneslust nicht in Schach halten kann, wenn er nicht zunächst gelernt hat, seinen eigenen Willen kraft des Gehorsams abzutöten. Weiter bezeugen sie ausdrücklich, dass wer nicht gelernt habe, seine eigenen Wünsche zu besiegen, auch keinesfalls seinen Zorn, seine Trübsal oder seine Besitzgier auslöschen kann; weder kann er wahrhaftige Herzensdemut noch stete Einmütigkeit mit den Brüdern gewinnen und wird auf Dauer selbst zum Leben in der Klostergemeinschaft unfähig. Die Altväter bemühen sich, den Novizen diese Regeln zu vermitteln wie ein Alphabet, das zur Vollkommenheit führt, und messen an ihnen die Art der Demut der Novizen, ob sie wahrhaftig ist oder vorgetäuscht und nur der Fantasie entsprungen.[5]

4.

Versündigungen, denen wir durch die allen Menschen gemeinsame Schwachheit verfallen, müssen dem geistlichen Vater gebeichtet werden, zuweilen, je nach Art der Sünde, sogar dem Vorsteher; anschließend muss der Gehorsamsdienst mit erneuertem Eifer fortgesetzt werden, ohne der Trägheit oder Untätigkeit zu verfallen. Wenn wir schon die irdischen Wissenschaften und Künste nicht sogleich verstehen, sondern bei ihrem Studium lange Zeit verschiedenen Irrtümer und Missverständnissen unterliegen, so ist es umso natürlicher, wenn uns Fehler beim Studium der Wissenschaft der Wissenschaften und der Kunst aller Künste – der monastischen Lebensweise – unterlaufen.[6]

5.

Das Gebet ist die Mutter aller Tugenden.[7] Deshalb ist der größte Teil der Zeit in einem Kloster dem Gebet gewid­met. Allein zu beten, ist für einen Anfänger nicht von Nutzen; deshalb untersagt das Typikon willkürliches Gebet und verlangt, dass alle Klosterbewohner gemeinsam im Gotteshaus beten, mit Ausnahme der Kranken, die durch ihr Gebrechen an ihr Kellion gebunden sind, sowie der Altväter, welche die Reife zum zurückgezogenen Gebet im Kellion erlangt haben.[8]

6.

Das Gebet ist die Mutter aller Tugenden. Deshalb sind alle Mitbrüder zur sorgfältigen und nicht nachlassenden Verrichtung der vorgeschriebenen Gebete berufen, mithin zum gewissenhaften und regelmäßigen Besuch des Gotteshauses.

7.

Auf dem Weg vom Kellion zum Gotteshaus, mit dem Ziel, vor Gottes Angesicht zu treten, muss man Ehrfurcht bewahren. Man darf keinesfalls eilen oder umherschauen, vielmehr soll man den Blick gesenkt halten und auch nicht mit Händen gestikulieren, sondern die Arme gesenkt halten.

8.

Jeder Mitbruder soll sich, wenn er beim Gotteshaus ankommt, vor dem Eingang bekreuzigen und eine kleine Metanie verrichten. So erweist er der Wohnstatt Gottes die Ehre, denn die Kirche ist gerade dies.

9.

Nach dem Betreten der Kirche soll ein jeder Mit­bruder vor der Königspforte zum Altar steh­enbleiben und drei kleine Metanien vollziehen, oder drei große Metanien in der Großen Fastenzeit. Nachdem er sich anschließend nach beiden Seiten vor den Anwesenden verneigt hat, nimmt er seinen Platz ein.

10.

Ein Mitbruder, der im Chor singt und zum Chor auf der rechten Seite gehört, soll vor der Ikone unseres Erlösers Jesus Christus ehrfürchtig eine Metanie verrichten, wenn er zu seinem Chor hingeht; ebenso soll er sich auch vor seinen Mitbrüdern im Chor verneigen, zuerst vor denen im linken Chor, dann vor den Mitbrüdern im rechten, um darauf bescheiden an seinen Platz zu treten. Singt ein Mitbruder im Chor zur Linken, dann soll er sich zuerst vor der Ikone der Gottesmutter verneigen, dann gegenüber beiden Chören, dem rech­ten und danach dem linken, und an seinen Platz gehen.

11.

Das Gotteshaus ist der Himmel auf Erden. Die dort anwesend sind, sollen in Ehrfurcht und aufrecht stehen, wie Engel Gottes, mit gesenktem Blick, ohne sich an den Wänden anzulehnen, die Arme gesenkt halten und nicht verschränken, und die Beine nicht ausstellen, sondern fest auf beiden Beinen stehen.

12.

Das Gotteshaus ist auch der Gerichtssaal Gottes. Entweder verlassen wir ihn als Verurteilte oder Freigesprochene, wie es ja das Evangelium selbst be­zeugt (Lk 18,14). Deshalb müssen Lesungen und Gesang äußerst aufmerksam und ehrfurchtsvoll geschehen, ohne sich leeres Geplauder oder gar Gelächter und Scherze zu erlauben. Sonst werden wir verurteilt die Kirche verlassen, weil wir den Himmlischen König durch mangelnde Ehrfurcht erzürnt haben.

13.

Während des Gottesdienstes soll sich der Blick nicht auf die Umstehenden richten. Vielmehr muss das Auge auf jegliche Weise bewahrt werden, denn gerade dieses ist die Öffnung, durch die alleransteckendste Leidenschaften Ein­gang zur Seele finden können.[9]

14.

In den Chören soll jeder den Platz einnehmen, den man ihm zugewie­sen hat. Fehlt jemand, soll der Nächste im Rang an dessen Stelle treten, nicht aber ein Geringerer, sei es aus Eigenwille, Hochmut oder Anmaßung. Ausgenommen davon sind Fälle, wo der Verantwortliche es für notwendig erachtet, die Singenden entsprechend ihrer Stimm­lage aufzustellen.

15.

Keiner von denen, die nicht geweiht sind, darf den Altarraum, das Allerheiligste, betreten. Eine Ausnahme gilt für Altardiener und Kerzendiener; so bestimmt es der 19. Kanon des Konzils von Laodicea, nach dem man sich in wohlgeordneten orthodoxen Klöstern richtet. Das Gebet für Verwandte erhört Gott ebenso wie aus dem Altar auch aus dem Kirchenraum und an dem Platz, wo du stehst. Dein Gebet im Kirchenraum wird Gott, wenn du aus Ehrfurcht vor Ihm vermeidest, den Altarraum zu betreten, sogar noch mehr erfreuen als aus dem Altarraum, wenn du ihn ohne die gebotene Ehrfurcht und unter Missachtung der dargelegten Regel betreten hast.

16.

Ein Mitbruder, der aus Notwendigkeit gezwungen ist, den Altarraum zu betreten oder zu durchqueren, hat die Pflicht, dies in höchster Ehrfurcht und Gottesfurcht tun. Beim Betreten soll er sich zum Altar hin dreifach bekreuzigen und drei große Metanien, an Sonntagen und Hochfesten, an Samstagen und Polyeleios-Festen aber drei kleine Metanien, anschließend zur Ikone am Platz des Bischofs gewandt eine kleine Metanie; verneige dich danach vor dem Vorsteher, um seinen Segen zu empfangen, oder empfange den Segen des zelebrierenden Priestermönchs, wenn der Vorsteher nicht im Altar ist.

17.

Wer nicht geweiht ist, darf nicht im Kreis um den Altartisch herumgehen. Wenn es unbedingt nötig ist, am Altartisch vorbeizugehen, dann muss dies mit größter Gottesfurcht und Achtsamkeit geschehen, gemessenen Schrittes und mit weitestmöglichem Abstand.

18.

Im Altarraum soll man sich nicht grundlos aufhalten, sondern ihn nach einer Verrichtung unverzüglich wieder verlassen. Im Übrigen soll auch, wer den Altarraum aus zwingenden Gründen oder im Auftrag des Vorstehers betreten hat, sich bezichtigen und sprechen: „Wehe mir, dem Sünder und Unreinen, zu meinem Urteil habe ich es gewagt, das Allerheiligste zu betreten.“ Selbst die Kleriker, die zum Altardienst und zum Stehen vor Gott berufen sind, werden dadurch zu diesem Dienst würdig, dass sie um ihre Unwürdigkeit wissen, sich vor ihrem Dienst durch viele Tränen der Buße und Demut reinigen und den Got­tesdienst mit äußerster Ehrfurcht, Aufmerksamkeit und Gottesfurcht vollziehen.

19.

Der Leser der Psalmen und der Tagzeitgebete – der Vesper, des Orthros und der Horen – soll sich rechtzeitig vorbereiten und die Troparien und Kontakien des Tages vorbereiten, um bei den Lesungen in der Kirche keine Fehler zu machen oder Pausen zu verursachen, weil er nach diesen Troparien und Kontakien suchen muss. Der Lektor soll geradestehen, die Arme senken, weder zu hastig noch zu gedehnt sprechen und die Worte klar und deutlich aussprechen. Die Lesung soll schlicht, in Ehrfurcht und in gleicher Tonhöhe erfolgen, ohne dabei durch Tonübergänge oder Stimmveränderungen den eigenen Gefühlen Lauf zu lassen. Mögen die heiligen Gebetstexte durch ihre eigene und besondere geistliche Würde auf die Zuhörer wirken.[10] Der Wunsch, den Anbetenden die eigenen Gefühle zu vermitteln, ist ein Zeichen für Hochmut und Stolz.

20.

Die Folge der täglichen Gebete beginnt mit der Vesper. Des­halb soll derjenige, der an der Reihe ist, nahe bei dem stehen, der das Gebet der neunten Stunde beendet. Wenn jener zu Ende gelesen hat, ver­neigen sich beide zuerst in Richtung des Altars und dann voreinander. Der neue Lektor stellt sich an das Pult, der andere aber geht zurück an seinen Platz.

21.

Wer das Apostelwort liest, soll das Buch auf dem Weg vom und zum Chor in seiner Linken halten und es mit dem oberen Rand leicht an die Brust drücken. Wenn er sich zur Lesung begibt, soll er zuerst vor die Ikone des Erlösers oder der Gottesmutter treten, je nachdem, zu welchem Chor er gehört, dort eine kleine Metanie verrichten, anschließend ebenso vor dem Chor auf seiner Seite. Dann geht er zur Mitte des Kirchenraums und tritt vor die Königspforte. Hier verneigt er sich in Richtung des Altars; auf die Worte des zelebrierenden Priestermönchs „Frieden allen“ ver­neigt sich der Lektor in dessen Richtung und trägt das Prokimenon vor. Anschließend verkündet er den Titel der Apostellesung; wenn der zelebrierende Priestermönch oder Mönchsdia­kon „Lasst uns aufmerken“ ruft, verneigt er sich wiederum in dessen Rich­tung und beginnt die Epistellesung. Wenn der Lektor zu Ende gelesen hat und der Priester „Frie­de Dir“ sagt, dann verneigt sich der Lektor vor ihm gegenüber der Königspforte, verlässt Kirchenmitte, geht auf der Seite seines Chores wieder zur Ikone hin und verneigt sich zuerst vor ihr, dann zum gegenüberliegenden Chor hin und anschließend vor seinem eigenen Chor, um sich schließlich wieder an seinen Platz zu stellen.

22.

Bei der Epistellesung soll man sich keinesfalls der Eitelkeit hingeben und unangemessen oder unwürdig laut schreien; im Gegenteil muss der Vortrag mit natürlicher Stimme, ehrfürchtig, deutlich und erhaben erfolgen, ohne eine solche Anspannung, die das Gehör und das Gewissen belastet, damit unser Opfer Gott gefällt und sich nicht erweist, dass wir nur die Frucht der Lippen(Heb 13,15) vor Ihn bringen, die Frucht unseres Geistes und Herzens aber der Eitelkeit opfern, denn dann wird Gott auch die Frucht der Lippen als unreines Opfer zurückweisen. Dies sei auch den Chorsängern in Erinnerung gerufen, denn gerade Chormitglieder sind besonders durch die Leidenschaft des Ehrgeizes in Gefahr, der andere Laster, ganz besonders der Stolz, in die Seele nachfolgen, so dass den Menschen die ihn bewahrende Gnade Gottes verlässt.

23.

Wenn die Mönche in der Kirchenmitte zusammentreten oder von dort weggehen, müssen alle gleichzeitig den Gesang beginnen und beenden, dabei die Hände ruhig halten und den Blick senken, ihn keinesfalls umherschweifen lassen; alle sollen geordnet, reibungslos und einer hinter dem andern hergehen, ohne einander zu drängen und anzustoßen. Bei der Aufstellung in der Kirchenmitte sollen alle in einer Reihe und keiner vor dem andern stehen. Genauso geordnet wie beim Zusammenkommen soll auch die Rückkehr in die Chöre verlaufen. Während des gemeinsamen Stehens müssen die Arme ruhig herabhängen und dürfen keinesfalls aneinandergelegt werden; Metanien dürfen nicht nach Belieben verrichtet werden, sondern nur an den vorgeschriebenen Stellen und nicht einzeln, sondern nur gemeinsam, damit alle Brüder in der Kirchenmitte einen gemeinsamen Korpus bilden, wie es das Typikon formuliert.[11] Damit die Verneigung so einheitlich und ehr­fürchtig vollzogen wird, müssen alle Mitbrüder sich nach dem Vorsänger richten, der die Aufgabe hat, auf die rechtzeitige Verrichtung der Metanien zu achten und sie selbst weder zu früh noch in Eile zu vollziehen, um so den Brüdern die Möglichkeit zu geben, sich nach ihm zu richten.

24.

Während des Gottesdienstes werden folgenden Metanien in der nachfolgenden Weise verrichtet: Wenn der zelebrierende Priestermönch vor die Königspforte tritt, um die Verlesung des Gebets der neunten Stunde oder des Mitternachtsgebets zu­ segnen, oder bevor er eine Stundenlesung vom Altarraum aus segnet, vollzieht er vor dem Ausruf „Gesegnet sei unser Gott“ drei kleine Metanien; dasselbe sollen die Mitbrüder tun, ebenso vor Beginn der Göttlichen Liturgie. Am Anfang der Vigil müssen drei kleine Metanien vollzogen werden, wenn der Vorsänger das „Kommt, lasst uns anbeten“ anstimmt. Allgemein werden in allen Gottesdiensten anlässlich jedes Trishagion und jedes „Kommt, lasst uns anbeten“ drei kleine Metanien verrichtet; eine Ausnahme bilden das „Kommt …“ und das Trishagion ganz am Anfang des Orthros, wo es üblich ist, sich lediglich dreifach zu bekreuzigen, ebenso unmittelbar vor dem Hexapsalm, wenn das „Lob sei Gott in der Höhe“ dreimal verlesen wird, und in dessen Mitte, wenn dreimal „Halle­luja, halleluja, halleluja, Ehre Dir, o Gott“ erklingt. Für gewöhnlich bekreuzigt man sich einmal zu Beginn des Glaubenssymbols bei der Göttlichen Liturgie. Beim Gesang der Stichera und Aposticha wird eine kleine Metanie dann verrichtet, wenn deren Worte dazu anregen. Im Übrigen verneigt man sich weder in der Kirchenmitte noch in den Chören ungeordnet und nach eigenem Willen, vielmehr stets so wie der Vorsänger. Wenn das „Halleluja, halleluja, halleluja, Ehre Dir, Oh Gott“ bei der Kathismenlesung dreimal gesungen oder aber an deren Ende und ebenso am Ende des Hexapsalms dreimal gesprochen wird, werden drei kleine Metanien verrichtet, ausgenommen an Sonntagen und Hochfesten, Samstagen und Polyeleios-Festen, wo diese Verbeugungen weggelassen werden. Wenn die Brüder in der Mitte der Kirche zusammenkommen und bevor sie wieder auseinandergehen, vollziehen sie gemeinsam und geordnet eine kleine Metanie und verneigen sich anschließend vor ihren Mitbrüdern. Auf die erste Bitte jeder Ektenie und auf den Ausruf, mit dem der zelebrierende Priestermönch die Ektenie abschließt, folgt jeweils eine kleine Metanie. Vor und nach der Evan­gelienlesung wird eine kleine Metanie vollzogen, wenn „Ehre …“ gesungen wird. Bei der neunten Ode des Kanons, während das „Ehrwürdiger als die Cherubim …“ gesungen wird, erfolgt bei jeder Wiederholung dieses Verses eine kleine Metanie. In der Göttlichen Liturgie wird eine kleine Metanie nach „Kommt lasst uns anbeten und niederfallen vor Chris­tus“ vollzogen, nach Abschluss des Cherubim-Hymnus, d. h. nach dem Halleluja drei kleine Metanien. Die Gaben werden während des Einzugs, da sie noch nicht geweiht sind, mit einer kleinen Metanie und anschließend mit gesenktem Haupt verehrt. Am Ende des „Dir singen wir“ werden drei tiefe kleine Metanien vollzogen; wer nicht in den Chören steht, vollzieht eine große Metanie, denn während dieses heiligen Gesangs werden die dargebrachten Heiligen Gaben geweiht. Nach dem „Es ist würdig und recht“ folgt eine kleine Metanie. Vor dem Herrngebet vollziehen alle, die nicht im Chor sind, eine große Metanie. Die Chöre dagegen bekreuzigen sich lediglich, um so­gleich singen zu können. Nach dem Herrngebet, während der zelebrierende Priestermönch „Denn Dein ist das Reich …“ usw. spricht, ist eine kleine Metanie zu verrichten. Beim Ausruf „Das Heilige den Heiligen“ sind drei kleine Metanien geboten. Wenn die Heiligen Mysterien unter den Worten „Mit Gottesfurcht, Glaube und Liebe nahet euch“ aus dem Altar gebracht werden, verrichten alle in den Chören eine tiefe kleine Metanie wie vor Jesus Christus Selbst, Der unsichtbar in den Heiligen Mysterien gegenwärtig ist; die übrigen vollziehen eine große Metanie. Genauso soll es geschehen, wenn der Heilige Kelch unter den Worten „Jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit“ zum zweiten Mal herausgetragen wird. Am Schluss der Göttlichen Liturgie werden drei kleine Metanien verrichtet; in beiden Chören wenden sich die Jüngeren den Älteren zu, alle grüßen einander mit einer gegenseitigen Verneigung. An Sonntagen und Hochfesten, an Samstagen und Polyeleios-Festen werden in der Kirche keine großen Metanien vollzogen.[12]

25.

Zu folgenden Zeiten des Gottesdienstes wird das Kamilavkion abgenommen und so auf die Schulter gesetzt, dass das vom Ende des Klobuks ge­formte Kreuz nicht von der Schulter fällt: während der Litur­gie beim Einzug mit dem Evangelium, der Evangelienlesung, dem Großen Einzug, den Worten Christi „Nehmet und esset …“ und weiter bis „Es ist würdig …“ einschließlich, beim Singen des Herrngebets und dem Heraustragen der Heiligen Mysterien; bei der Vesper während des Einzugs; beim Orthros während der Evangelienlesung und beim Gesang „Die Du ehrwürdiger bist …“ Der Lektor setzt das Kamilavkion ab, wenn er das Apostelwort während der Liturgie und die Paremien in der Großen Vesper liest. Alle Mitbrüder setzen ihre Kopfbedeckung während des Herrngebets vor den Mahlzeiten und beim „Es ist würdig …“ nach den Mahlzeiten ab.[13] Alle Brüder sollen die Kopfbedeck­ung immer zur gleichen Zeit abnehmen und aufsetzen, ohne dass einer dem anderen zuvorkommt.

26.

Überhaupt soll im Gotteshaus die größtmögliche Andacht und Ordnung gewahrt werden, sowohl zu Gottes Ehre als auch zum seelischen Nutzen für jeden selbst und für die Umstehenden, welche durch die Andacht der Mönche Erbauung finden, aber Anstoß an deren mangelnder Ehrfurcht nehmen, in Versuchung geraten und verwundet werden. Deshalb soll das Gotteshaus nicht zur Unzeit verlassen werden, noch darf man sich auch nur die ge­ringste Verletzung der Regeln für Ordnung und Andacht erlauben. Aus der Achtlosigkeit im Kleinen und Unwichtigen geraten wir schon bald in Achtlosigkeit gegenüber dem Wichtigsten und gegenüber allem. Um die Aufmerksamkeit gegenüber den wichtigsten Pflichten zu bewahren, muss man un­ablässig auf sich achtgeben und achtsam in Bezug auf alle, auch die geringsten, eigenen Handlungen sein.[14]

27.

Statt würdelos geräuschvoll auf den Boden zu spucken, muss nötigenfalls ein Taschentuch verwendet werden. Ebenso darf nicht laut gehustet oder geschnäuzt werden – derartige der Natur geschuldete Vorgänge sollen leise und mit Anstand geschehen. Schnupftabak gehört nicht in den Kirchenraum. Wenn es in der Kirche noch nicht einmal zulässig ist zu essen, um den natürlichen Hunger des Menschen zu stillen, so ist Schnupftabak umso weniger statthaft, denn dieser ist keineswegs ein natürliches Bedürfnis, sondern eine Laune und schlechte Angewohnheit. Ganz allgemein soll man sich, wenn man in den Mönchsstand eintritt, den Tabakgenuss abgewöhnen. Unsere weltlichen Brüder nehmen großen Anstoß daran, wenn Mönche Tabak verwenden; das unabänderliche Gebot der Liebe verlangt, unseren weltlichen Brüdern keinen Grund des Anstoßes zu geben, denn sie werden uns auch in wesentlichen Dingen nicht glauben, wenn sie durch eine derartige Nichtig­keit erst in Versuchung geraten sind. Wer es nicht schafft, solche Gewohnheiten zu überwinden, möge seine Schwachheit erkennen und seinen Mangel an Selbstverleugnung durch Selbstbezichtigung ausgleichen,[15] seine Gewohnheit aber nicht vor den Mitbrüdern zeigen, denn ein Schaden, der einem Einzelnen zugefügt wird, wiegt nicht so schwer wie ein Schaden, der vielen angetan wird. Dies ist die Ansicht der Väter darüber, wie wir durch unsere Schwächen besiegt werden.

28.

Es ist die Regel, dass in der Kirche strengste Andacht und Ordnung zu halten ist; möge dies auch bei den Mahlzeiten bewahrt werden. Der Aufenthalt im Speisesaal zur Stärkung unseres Leibes soll wie eine Fortsetzung des Gottesdienstes sein. Während die Brüder ihren Leib in vernünftiger Genügsamkeit durch die gereichten Speisen stärken, sollen sie zu­gleich auch der Seele Nahrung durch das Gotteswort geben, das während der Mahlzeiten verlesen wird. Daher wird bei den Mahlzeiten tiefes Schweigen gewahrt. Wenn es nö­tig ist zu sprechen, dann geschieht das sehr kurz und leise, um nicht das Hören der Lesung zu behindern.[16]

29.

Alle Mitbrüder sollen das Mahl gemeinsam im Speisesaal einnehmen und nicht im Kellion, mit Ausnahme der Kranken, für die es statthaft ist, im Kellion zu essen, wenn auch niemals ohne Wissen und Zu­stimmung des Vorstehers. Bemühe dich, am gemeinsamen Mahl teilzunehmen, statt aus irgendeinem nichtigen, nur scheinbar wichtigen Grund fernzubleiben: Zur gegebenen Zeit wirst du den besonderen seelischen Nutzen der regelmäßigen Teilnahme am gemeinsamen Mahl erkennen.

30.

Hinsichtlich der Nahrungsmenge ist sowohl im Speisesaal als auch in den Kellien äußerste Vernunft geboten. Novizen sollen essen, bis sie fast gesättigt sind, aber keinesfalls bis zur Übersättigung. So nutzbringend das Fasten dem Mönch später noch sein wird, bei den Novizen muss es gemäßigt erfolgen.[17] Verzichtet ein Novize darauf, außerhalb der gemeinsamen Mahlzeiten etwas zu sich zu nehmen, genügt das vollauf als seine Fastenregel. Essen bis fast zur Sättigung ist für einen Novizen notwendig, weil er Gehorsamsdienste leistet, die zuweilen kräftezehrend sein können, weshalb er seine Körperkraft nicht übermäßig schwächen darf. Bereits durch Art und Menge des Essens, wie es im Kloster auf den Tisch kommt, ist die gebotene Schwächung des Leibes hinlänglich gewährleistet. Die Leidenschaften werden bei einem Anfänger nicht durch verstärktes Fasten vermindert, sondern durch das Beichten seiner sündigen Gedanken, durch Arbeit und das Meiden des freizügigen Verkehrs mit seinen Nächsten.

31.

Das Typikon der Kirche lässt zwar den Genuss von Wein bei der Mahlzeit zu, doch erlaubt ist er nur für jene unter den arbeitenden Altvätern, denen er notwendig und nützlich ist. Den jungen Mönchen schadet der Wein nur, daher ist es für sie von Vorteil, sich des Weines zu enthalten, auch wenn er in manchen Klöstern bei der Mahlzeit gereicht wird. Es lobt den Mönch die Enthaltsamkeit vom Wein, sagt der große Heilige Symeon der Wundertäter [Stylites d. J.]; wenn jedoch ein Mönch aus Leibesschwachheit dazu gezwun­gen ist, Wein zu trinken, dann möge er nur wenig davon nehmen.[18] Der ehrwürdige Poimen der Große sagt dazu: Für Mönche ist keinesfalls statthaft Wein zu trinken.[19] Die Jugend soll am Wein nicht einmal riechen, spricht der ehrwürdige Markos der Asket.[20]

32.

In den Kellien ist es geboten, sich erbaulichen Schriften zu widmen oder einer solchen Handarbeit zu widmen, die nicht die Hingabe weckt. Anderenfalls wird das Handwerk, zu dem du eine Neigung hast, deine ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Dann entfernst du dich von Gott und von deiner Errettung. Keinesfalls darf man weltliche Literatur lesen, vor allem nicht solche, die der Moral schadet, und sie noch nicht einmal im Kellion aufbewahren.

33.

Novizen sollen in ihren Kellien keinen überflüssigen Besitz, d. h. Luxusgegenstände oder Liebhabereien ansammeln. Solcherart Besitz im Kellion bindet den Geist und das Herz des Novizen; dadurch lenkt er von Gott ab. Abgesehen davon fördert er den Hang zur Träu­merei, was den geistlichen Fortschritt hemmt. Den besten Schmuck eines Kellions bildet eine Sammlung ausgewählter Bücher, bestehend aus der Heiligen Schrift sowie Väterschriften über das monastische Leben. Der Besitz christlicher Bücher ist notwendig, sagt der heilige Epiphanios von Salamis (von Zypern). Bereits der Anblick dieser Bücher hält uns von der Sünde ab und er­mutigt uns in der Tugend.[21] Diese heiligen Schriften müssen würdig bewahrt werden, dies erweist dem ihnen innewohnenden Heiligen Geist die Ehre. Bei Altvätern, die für ihre besondere Fröm­migkeit und geistliche Reife bekannt sind, befindet sich das Neue Testament direkt neben den heiligen Ikonen.[22]

34.

Novizen ist es untersagt, in ihrem Kellion Frauen zu empfangen, selbst wenn es sich um die nächsten Verwandten handelt; vor dem Empfang männlicher Verwandter oder Bekannter muss die Erlaubnis des Vorstehers eingeholt werden.

35.

Novizen sollen nicht nur den Empfang weltlicher Gäste in ihrem Kellion vermeiden, sondern auch gegenseitige Besuche in den Kellien zur unpassenden Zeit. Solche gegenseitigen Besuche von Novizen zur unpassenden Zeit werden ihnen zum Anlass für Schwatzhaftigkeit, Spott und Anmaßung; dadurch erlischt in ihren Herzen die Gottesfurcht und die Wohlgesinnung zu einem Leben in der Askese, stattdessen werden übermächtig die Leidenschaften entfacht, insbesondere Faulheit, Zorn und Lust. Aus diesem Grund gebot der große Altvater Symeon der Ehrfürchtige seinem Schüler Symeon dem Neuen Theologen bei dessen Eintritt ins Klos­ter, allen Bekanntschaften innerhalb und außerhalb des Klosters zu entsagen. Dieser hielt sich sorgfältig daran und brachte es in kurzer Zeit zu hoher geistlicher Blüte.[23]

36.

Novize! Besuche regelmäßig das Kellion deines Beichtvaters oder Altvaters, um dort geistliche Erbauung zu er­halten und deine Sünden und sündigen Gedanken zu bekennen. Selig bist du, wenn du einen wissenden, erfahrenen und wohlgesinnten Beichtvater gefunden hast:  In unserer Zeit solch einen geistlichen Führer zu finden, ist eine große Seltenheit. Verehre sein Kellion, in dem du das lebendigmachende Gotteswort vernimmst, als Heiligtum.[24] Wenn es im Kloster keinen gibt, der dich zufriedenstellend geistlich anleiten kann, dann bekenne umso häufiger deine Sünden vor deinem Beichtvater, die Anleitung aber schöpfe aus dem Evangelium und aus den Schriften der heiligen Väter über das Mönchtum. So wird Dein Kellion für dich zu einem Hafen und Zufluchtsort vor den Stürmen der Gedanken und des Herzens.

37.

Essen, Zuckerwerk und insbesondere auch Getränke haben im Kellion nichts zu suchen. Schließlich gehen wir ins Kloster nicht, um unsere leiblichen Wünsche zu befriedigen, nicht für irdische Freuden und Zerstreuungen! Wir tun es, um uns durch wahrhaftige, von Ablenkungen und Vergnügungen ungestörte Buße mit Gott zu versöhnen und von Ihm die unschätzbare Gabe der Errettung zu erhalten.

38.

Die Kleidung soll so einfach wie möglich sein. Sie muss ordentlich und gepflegt aussehen, den Gepflogenheiten entsprechen und der Bedeutung des Klosters sowie dessen Beziehungen zu weltlichen Besuchern angemessen sein, denn diese könnten leicht Anstoß sowohl an übertriebener als auch an ungepflegter Kleidung nehmen. Auf farbige Mönchskittel und Unterröcke soll man verzichten: Solche Kleider passen nicht zu jemandem, der über den Tod seiner Seele weint. Dafür ist schwarze Kleidung angemessen, in welche sich Menschen zum Zeichen tiefster Trauer hüllen. Gerade für einen Novizen ist die Beachtung dieser Regel wichtig, weil sich sein Seelenzustand nach dem Zustand des Leibes herausbildet; die Seele kann ihr Gefühl der Trauer nicht bewahren, wenn der Leib durch üppige und prachtvolle Kleidung geschmückt ist. Aus solchen Kleidern erwachsen dem Novizen Eitelkeit und Hartherzigkeit, sein Fleisch erwacht zu lustvollen Gefühlen und Regungen.[25] Schöne Gewänder sind unpassend für einen Sünder: Er wird so einem verzierten und vergoldeten Sarg gleich, der außen hell und voller Schmuck ist, im Innern aber einen übelriechenden Leichnam birgt.

39.

Den Älteren gegenüber muss Respekt erwiesen werden, und wenn man die Mönchspriester um ihren Segen bittet, so muss das in Glauben und Ehrfurcht geschehen. Dieser Respekt muss aus Pflichtbewusstsein und Liebe entspringen, nicht aber aus Gefälligkeit oder sonst einem weltlichen Beweggrund, der dem Geist des Mönchtums und dem Geist der Kirche fremd ist.  

40.

Mitbrüder sollen sich, wenn sie einander begegnen, freundlich voreinander verneigen, und so im Nächsten das Abbild Gottes und Christus Selbst verehren (Mt 25,40).

41.

Die Jungen müssen bestrebt sein, einen jeden gleich zu lieben; wie vor teuflischen Fallstricken müssen sie sich davor bewahren, besondere Liebe zu einem bestimmten Gleichaltrigen oder weltlichen Bekannten zu entwickeln. Solche Liebe ist bei Jüngeren nichts anderes als eine von ihnen nicht erkannte Zuneigung, die sie gänzlich von ihren Pflichten vor Gott ablenkt.[26]

42.

Bei gegenseitigen Besuchen müssen Berührungen gewissenhaft vermieden werden; das geht soweit, dass man dem Bruder keinesfalls die Hand reicht; ebenso zu vermeiden ist auch jede andere Art der Begrüßung, die dem heiligen Kloster nicht angemessen sind. Dieser Verzicht wurde in den Klöstern früherer Zeit strikt beachtet. Wer diese Regel brach, wurde in den ägyptischen Gemein­schaften, den herausragendsten des Christentums, öffentlicher Bestrafung unterzogen. Dies bezeugt der heilige Johannes Cassianus.[27]

43.

Der Umgang mit einem nachlässig lebenden Mitbruder muss wie eine äußerste Gefahr gemieden werden; nicht als Verurteilung, nein! Der Grund ist ein anderer: Nichts nimmt so rasch gefangen und steckt so rasch an wie die Schwäche des Bruders. Der Apostel verlangt: Im Namen Jesu Christi, des Herrn, gebieten wir euch, Brüder und Schwestern: Haltet euch von jenen fern, die ein unordentliches Leben führen und sich nicht an die Überlieferung halten, die sie von uns empfangen haben!(2.Thess 3, 6). Mit einem, der sich Bruder nennt und dennoch Unzucht treibt, habgierig ist, Götzen verehrt, lästert, trinkt oder raubt, sollt ihr keine Tischgemeinschaft haben(1 Kor. 5, 11). Warum? Weil, wie Apostel sagt: Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten. (1.Kor 15, 33). Lässt du dich auf einen Trinker ein, dann sei gewiss, dass du dir dabei das Trinken angewöhnen wirst. Sprichst du oft mit einem, der die Ehe bricht? Wisse: Er wird Dich mit seinen lüsternen Regungen anstecken. Freunde und Bekannte soll­en jene Dir sein, deren einziges Ziel darin besteht, Gott zu gefallen. So hat es auch der heilige Prophet David gehalten. Er sagt von sich: Ich lebe mit lauterem Herzen inmitten meines Hauses. Doch ungeachtet solcher Lauterkeit hasse ich die, welche Unrecht tun, mit einem gottgefälligen Hass, der sich darin ausdrückt, ihnen fernzubleiben: Wer seinen Nächsten heimlich verleumdet, den bring ich zum Schweigen. Wer stolze Augen hat und ein hochmütiges Herz, den kann ich nicht ertragen. Meine Augen suchen die Treuen im Land, sie sollen bei mir wohnen. Wer auf dem rechten Wege geht, der darf mir dienen. In meinem Haus wohne kein Betrüger, kein Lügner kann bestehen vor meinen Augen. (Ps 100/101,2f ksl, 5-7) Wie wertvoll sind mir Deine Freunde, o Gott(Ps 138/139,17 ksl).

Vom ehrwürdigen Poimen dem Großen stammt das Wort: Der Schluss (das Ende, die Krone) der gesamten Unterweisung eines neu aufgenommenen Mönchs ist: Meide schlechte Gesellschaft (Bekanntschaft, Freunde) und suche die gute.[28]

44.

Im Kloster darf man nicht mit unbedecktem Haupt umhergehen. Dies ist eine Verletzung der Be­scheidenheit und Ehrfurcht. Ebenso unzulässig sind lautes Schreien oder unkontrollierte, unangemessen freizügige Körperbewegungen. Derartiges stört den inneren Frieden des Novizen, es stört die Ordnung im Kloster wie auch die Ruhe der Mitbrüder und führt weltliche Besucher in Versuchung.

45.

Das Klostergelände darf nur verlassen werden, nachdem man die Erlaubnis der Vorsteher eingeholt hat.

46.

Spaziergänge soll niemand allein unternehmen, sondern stets zu zweit oder zu dritt sein. Dies Regel bestand sowohl in den frühen Klostergemeinschaften als auch in den wohlgeordneten heiligen Klöstern jüngerer Zeit. Viele Versuchungen und sogar Sündenfälle werden so vermieden. Wehe dem, der allein ist(Pred 4, 10) – sollte er in eine Versuchung verstrickt werden, ist niemand in der Nähe, der ihn abhalten könnte. Im Gegenteil vergleicht die Heilige Schrift den Bruder, dem von seinem Bruder geholfen wurde, mit einer festen und hohen Burg (Spr 18, 19 ksl).

47.

Hängt nicht daran, in die Stadt zu fahren und die weltlichen Siedlungen zu besuchen! Wie könnte die Seele eines jungen Mönchs, der die Mönchs­gelübde auf sich nehmen möchte, nicht Schaden erleiden, wenn er oft die Versuchungen anschaut und sich mit ihnen einlässt? Steht doch sein Herz noch offen dafür, es erfreut sich daran und lässt sich hinziehen. Würde es die Verführungen der Welt nicht mit Zuneigung anschauen, könnte es auch nicht von ihnen angezogen werden. Wenn ein Mönch oft das Bedürfnis verspürt, das Kloster zu verlassen und das Weltliche zu suchen, dann hat ihn der Pfeil des Teufels getroffen. Ein Mönch, der diesem krankhaften Hang seines Herzens folgt und das Kloster oft verlässt, um unter all den Ver­suchungen der Welt zu weilen, hat freiwillig den vom Feind verschossenen todbringenden Giftpfeil in sich eindringen lassen – er hat erlaubt, dass das Gift sich in seiner Seele ausbreitet und sie vergiftet. Hat ein Novize die Gewohnheit angenommen herumzuschweifen, muss er des Mönchslebens für unfähig erachtet und rechtzeitig des Klosters verwiesen werden. Ist einer, der sich dem Herumschweifen widmet, bereits Mönch, muss man ihn für einen Verräter an Gott, seinem Gewissen und den Mönchsgelübden ansehen. Für einen solchen Mönch ist nichts heilig; die heimtückischsten Taten, jede Gesetzlosigkeit und Schandtat erachtet er für sich als zulässig, denn die Leiden­schaft der Liebe zur Welt hat ihn verfinstert und fortgerissen, und macht ihn allen übrigen Leidenschaften zu Diensten. Gegenüber einem solchen Mönch ist besondere Vorsicht angebracht, denn er wird nicht davor zurückschrecken, seine abträglichen weltlichen Beziehungen zum Schaden der Klostergemeinschaft zu benutzen, um sein Verhal­ten zu rechtfertigen und jeden Versuch abzuwehren, sein Missverhalten in die Schranken zu weisen.

48.

Alles hängt von der Gewöhnung ab. Gestatten wir uns Schwächen, führt uns das zu schlechter Gewohnheit, die letztlich über uns herrschen wird wie ein unerbittlicher Herr über seine Sklaven. Wenn wir uns dagegen bezwingen, folgt daraus eine Gewohnheit, die in uns ebensolche Wirkung entfaltet wie eine angeborene gute Eigenschaft. Wähle aus, was dir guttut, und übe dich darin: Die Gewohnheit wird dir das Nützliche angenehm machen. Zwingen wir uns zur guten Gewohnheit, ge­duldig im Kloster zu auszuharren und es nur im äußersten Falle zu verlassen, dabei so kurz wie möglich außerhalb zu weilen und schnellstmöglich wieder ins Kloster zurückzukehren. Anto­nios der Große, Vater des Mönchtums, sagt: Wie die Fische sterben, wenn sie zu lange auf dem Trockenen bleiben, so verlieren Mönche, die außerhalb ihrer Zel­len Umgang mit Leuten aus Welt pflegen, ihre Gewohnheit zu schweigen. Wie der Fisch alles daransetzt, so rasch als möglich wieder ins Wasser zu kommen, so sollen auch wir zu unseren Kellien streben, um nicht beim Verweilen außerhalb davon die innere Wachsamkeit zu vernachlässigen.[29] Von der Gewohnheit, im Kloster zu bleiben, gelangen wir leicht zu einer anderen, noch besseren Gewohnheit – im Kellion zu weilen. Daraufhin wird uns der barmherzige Gott auch zu der heiligen Gewohnheit anleiten, in uns selbst zu weilen.

49.

Wer maßvolles Stillschweigen bewahrt, auf gleiche Weise über seinen Blick und seinen Tastsinn wacht, keinen seiner Mitbrüder oder irgendeinen aus der Welt einem andern vorzieht, die Anhänglichkeit an irdische Dinge und den zwanglosen Umgang flieht und überhaupt alles, was der Bescheidenheit und Frömmigkeit widerspricht, der wird in sich selbst schon bald jenes Abge­storbensein verspüren, aus dem das Leben aufleuchtet (2.Kor 4,10). Wer sich dagegen der Zerstreuung hingibt, wer auf sich selbst nicht achtgibt, wer sich Leidenschaften und freien Umgang erlaubt, der wird nie etwas Geistliches erlangen, selbst wenn er ein ganzes Jahrhundert im Kloster verbrächte.

50.

Jedem der Mitbrüder ist es zur Pflicht gelegt, täglich die wunderwirkende Ikone des Klosters oder die heiligen Reliquien daselbst zu verehren. Ihre Verehrung erfolgt durch drei großen Metanien und das inständige Gebet darum, dass die Heiligen uns helfen mögen, unseren Mönchsweg zum Preis und zur Ehre Gottes, zur Errettung unserer Seele zu vollenden. Zwei der drei Metanien werden vollzogen, bevor man die Ikone küsst, eine danach. So halten es die ehrfürchtigen Mönche in allen Klöstern, in denen es wunderwirkende Ikonen und heilige Reliquien gibt. Die Mönche verehren die Ikonen und Reliquien gewöhnlich nach dem Orthros oder der Vesper, oder auch nach dem Abendgebet.

Schlusswort

Die Einhaltung der angeführten Regeln wird dem äußeren Verhalten des Mönchs die rechte Ordnung verleihen und ihn stete Ehrfurcht und Selbstkontrolle lehren.[30] Wer sein äußeres Verhalten recht geordnet hat, der gleicht einem wohlgeformten, makellosen Gefäß: In ein solches Gefäß kann kostbares Salböl gefüllt werden, ohne zu befürchte, es könne darin verderben. Ebenso wird ein Mönch, der gute Gewohnheiten angenommen hat, zur seelischen Praxis fähig, die er durch wohlgeordnete Leibesgewohnheiten unverletzt bewahren kann; unmöglich dagegen wird sie in einem Mönch Bestand haben, dessen äußeres Verhalten ungeordnet ist. Der heilige Isaak der Syrer sagt dazu in seiner 56. Homilie[31] einleitend: Körperliches Handeln geht dem der Seele voraus, so wie bei Adam zuerst der Körper erschaffen wurde, um ihm dann die Seele einzu­hauchen. Wer keine körperlichen Mühen auf sich nimmt, kann auch die Werke der Seele nicht tun. Denn die einen gehen aus den andern hervor, wie die Ähre aus einem Weizenkorn. Wer aber seelisch untätig bleibt, dem werden auch keine geistlichen Gaben zuteil. Und in seiner 46. Homilie schreibt der Heilige: Ich habe viele und bewundernswerte Väter getroffen, die sich vor allem anderen darum besorgten, ihre Sinne und ihre Gewohnheiten des Leibes wohlgeordnet zu bewahren: Sind diese in rechter Ordnung, so erwächst daraus die Ordnung in den Gedanken. Allerhand stößt nämlich einem Menschen zu, das seinem Willen nicht unterliegt und ihn zwingt, die selbstauferlegten Schranken zu übertreten: Würde er dabei nicht unablässig seine Sinne kontrollieren, wäre es ihm in solchen Fällen lange Zeit nicht möglich, zu sich selbst zu finden und sei­ne urtümliche Ruhe wiederzufinden. Und in der 89. Homilie: Verhalte dich in der Gegenwart deiner Freunde ehrfürch­tig: Dies wird dir und ihnen Nutzen bringen, denn oft wirft die Seele unter dem Vorwand der Liebe die Zügel der Achtsamkeit ab. Hüte dich vor Unterhaltungen: Nicht zu jeder Zeit sind sie nützlich. In den Versammlungen ziehe das Stillschweigen vor: Es bewahrt vor vielerlei (seelischem) Schaden. Mehr noch als deinen Leib bewahre deinen Blick: Denn der innere Kampf ist zweifellos leichter als der äußere. Glaube nicht, Bruder, dass die inwendigen Ge­danken gezähmt werden können, ohne dass zuvor der Leib eine rechte und wohlgeordnete Haltung angenommen hat, und fürchte schlechte Gewohnheiten mehr als den Teufel!“

Als Basilios der Große in Antiochien eintraf, bat ihn der Philosoph Libanios, der an der Schule von Antiochien lehrte und mit Basilios gemeinsam in Athen die Schule besucht hatte, um eine Unterweisung für seine Studenten. Der heilige Basilios willigte ein. Er belehrte sie, die Reinheit der Seele im Körper zu bewahren, und gab ihnen dazu eingehende Regeln für ihr äußeres Verhalten: Er hieß sie, sich zurückhaltend zu bewegen, nicht laut zu sprechen, in Unterhaltungen den Anstand zu wahren, mit Ehrfurcht zu essen und zu trinken, in Anwesenheit Älterer zu schweigen, aufmerksam auf die Weisen zu hören, den Vorgesetzten zu gehorchen, gegenüber Gleichalt­rigen und Jüngeren ungeheuchelte Liebe zu erweisen und jenen aus dem Weg zu gehen, die boshaft und ihren Leidenschaften verfallen sind und es lieben, ihrem Leibe zu dienen; wenig zu sprechen, sich sorgsam Wissen anzueignen, nicht über etwas zu sprechen, ohne es vorher bedacht zu haben, nicht viele Worte zu machen, zurückhaltend beim Lachen zu sein, sich mit Beschei­denheit zu schmücken und ähnliches mehr. Der weise Basilios gab jenen jungen Menschen vorwiegend Ratschläge zu ihrem äußeren Verhalten, wohl wissend, dass die äußerliche Verfassung des Körpers schon bald auf die Seele übergreift und die rechte Ordnung des Leibes in überaus kurzer Zeit auch zur rechten Seelenverfassung führt.[32]

Besonderes Augenmerk muss darauf gelegt werden, die Leichtfertigkeit im Umgang mit den Menschen abzulegen, jene Freizügigkeit, die in weltlicher Gesellschaft so beliebt und geschätzt ist. In der heutigen Zeit bewahren viele, die sich in der Welt an solche Freizügigkeit gewöhnt haben, diese auch im Kloster bei; andere streben gar danach, sie noch zu erlangen, wenn sie bereits in ein Kloster eingetreten sind, und empfinden sie als etwas Anziehendes. Die schädlichen Folgen eines solchen leichtfertigen Umgangs bleiben aufgrund der Ablenkung, des Mangels an Achtsamkeit sich selbst gegenüber und der ununterbrochenen Einwirkung mannigfaltiger Versuchungen unbemerkt; doch für einen Mönch sind sie fatal. Die heiligen Väter sprechen sich in deut­lichen Worten gegen diese Leichtfertigkeit aus, und bezeichnen sie als Dreistigkeit.

Zu dem heiligen Agathon, welcher sich unter den Vätern der ägyptischen Wüste durch sein besonderes Unterscheidungs­vermögen hervorgetan hatte, kam einmal ein Bruder und fragte: „Ich habe die Absicht, in einer Gemeinschaft von Mitbrüdern zu leben. Sage mir doch, wie ich das am besten mache.“ Der Altvater antwortete: „Verbringe die ganze Zeit unter ihnen so, als ob du soeben angekommen wärst. Während deines ganzen Lebens bewahre dir die Haltung eines Pilgers (verhalte dich also im Kloster wie ein Gast und Fremder, nicht wie ein Heimischer und der Gemeinschaft Zugehöriger) und erlaube dir keinen zwanglosen (dreisten) Umgang.“ Ein gewisser Abbas Makarios, welcher zufällig anwesend war, fragte: „Was bedeutet Dreistigkeit (leichtfertiger Umgang)?“ Da antwortete der Altvater: „Sie gleicht sengender Hitze, vor der, wenn sie einsetzt, alles davonläuft, und die Früchte an den Bäumen verderben.“ Darauf sagte jener Abbas Makarios: „Ist die Dreistigkeit wirklich so schlimm?“ Abbas Aga­thon antwortete: „Es gibt keine schlimmere Leidenschaft als diese: Sie bringt alle übrigen Leidenschaften hervor; der Asket muss sich solcher Leichtfertigkeit im Umgang enthalten.“[33] Der ehrwürdige Abbas Dorotheos führt diese Worte des heiligen Agathon in einer seiner Unterweisungen an und sagt dazu: Sehr gut und sehr verständig hat es dieser Altvater ausgedrückt, als er die Dreistigkeit die Mutter aller Leidenschaften genannt hat. Sie ist deshalb deren Mutter, weil sie die Gottesfurcht aus der Seele hinwegnimmt. Wenn sich „durch die Gottesfurcht ein jeder vor dem Bösen bewahrt“ (Spr. 15,27 ksl), so ist zweifellos das Böse überall dort, wo es an Gottesfurcht mangelt. Dreistigkeit tritt auf verschiedene Art in Erscheinung: Sie kann sich in Worten ausdrücken, aber auch in körperlichen Handlungen und sogar in einem Blick. Von der Dreistigkeit gelangt man zur Schwatzhaftigkeit, zu Gesprächen über weltliche, leere Dinge und zum Spott, welcher unwürdiges Gelächter auslöst. Dreist muss auch genannt werden, wenn einer seinen Nächsten ohne Grund berührt oder ihm die Finger auf den Mund legt, um dessen Worte oder Lachen zu unterbrechen, wenn einer sich erlaubt, seinem Nächsten etwas aus den Händen zu reißen oder ihn zu stoßen, oder wenn er ihn schamlos anschaut. All dies ist der Dreistigkeit zuzurechnen und entspringt daraus, dass es jenem Menschen an Gottesfurcht fehlt. Aus einem solchen Zustand kann man Schritt für Schritt in völlige Nachlässigkeit in Bezug auf sich selbst gelangen. Aus diesem Grund sagte Gott, als er die Gebote des mosaischen Gesetzes erließ: „Ehrfürchtig lasset die Söhne Israels werden“ (Lev 15,31 ksl). Ohne Ehrfurcht ist weder wahre Gottesverehrung noch Bewahrung der Gebote möglich.

Die dreiste Tat ist Ausdruck bereits früher gesäter verbrecherischer Ideen und Herzenswünsche. Als Judas Iskariot sich mit dem Synhedrion über den Verrat am Herrn schon einig geworden war, anschließend aber schamlos mit den übrigen Aposteln gemeinsam am Abendmahl teilnahm, da hielt er sich nicht zurück, seine Hand nach dem Gefäß mit dem Salz auszustrecken und gleichzeitig mit seinem Lehrer und Herrn von dem Salz zu nehmen. Auf diese äußerlich so geringe Handlung wies der Herr hin, denn sie bezeichnete den Verräter (Mt 26.23).

Leichtfertiges Verhalten entspringt oft aus dem Wunsch, den Menschen zu gefallen, aus Zwiespalt der Seele, aus Schwäche der moralischen Grundsätze und des Willens. Zur Bewahrung vor diesen Quellen der Leichtfertigkeit raten der heilige Barsanuphius der Große und sein Schüler Johannes der Prophet: Erwirb Dir Standfestigkeit, und sie wird die Leichtfertigkeit im Umgang mit den Nächsten von dir fernhalten, jene Ursache allen Übels im Menschen! Wenn Du vor schändlichen Leidenschaften loskommen willst, dann lasse zu niemandem ein leichtfertiges Verhältnis zu, namentlich nicht zu jenen, denen Dein Herz in leidenschaftlicher Lust zugeneigt ist. So wirst Du Dich auch vor Eitelkeit bewahren können. Denn sie geht mit Gefallsucht einher, diese wiederum mit leichtfertigem Umgang. Der leichtfertige Umgang aber ist die Mutter aller Leidenschaften.[34] Meide die Dreistigkeit wie den Tod.[35]

Es ist offensichtlich und für jeden verständlich, dass leichtfertiger Umgang überaus leicht und oft in größte Dreistigkeit und Unver­schämtheit umschlägt und daher Anlass für Streit, Ärger und Groll sein kann. Demgegenüber ist nicht für jeden ersichtlich, dass aus der Leichtfertigkeit im Umgang auf das Stärkste auch die Leidenschaft der Unzucht entfacht wird. Mögen die geliebten Brüder es beachten, wenn sie ihr unsichtbares Werk des Martyriums beginnen und darangehen, mit den Leidenschaften des Leibes und des Geistes in den Kampf einzutreten, damit sie diese mit der den Anstrengungen des Asketen beistehenden Gnade Gottes überwinden und aus Jesu Christi Hand für diesen Sieg die Krone der Errettung empfangen mögen. Es darf nicht verschwiegen werden, dass der Mönch allgemein völlig an­deren Gesetzmäßigkeiten unterliegt als ein weltlicher Mensch, daher muss er sich die strengste Achtsamkeit zu sich selbst, beständige Vorsicht und Misstrauen gegenüber dem eigenen Nous, Herzen und Leib auferlegen. Der Mönch lässt sich mit einer Blume in einem Gewächshaus vergleichen, der Laie dagegen mit einer Feldblume. Auf einem Feld finden wir nicht solch wunderbare und wertvolle Blüten wie in einem Gewächshaus; dafür bedürfen die Blumen im Gewächshaus ganz besonderer Pflege; sie ertragen kein schlechtes Wetter, und bereits geringste Zugluft kann Scha­den anrichten, während die Feldblumen weder Pflege noch besondere Achtsamkeit benötigen. Sie wachsen in Freiheit und ertragen leicht einen Wetterwechsel. Alle heiligen Altväter raten den Mönchen, strikt auf sich zu achten und stets äußerst wachsam zu sein. Eine noch so nichtige Kleinigkeit kann für einen Mönch zu einer ernsthaften Versuchung werden oder gar zum Fall führen. Wie ungezählte Erfahrung beweist, haben eine einzige unvorsichtige Be­rührung oder ein unscheinbarer Blick die Macht, im Seelenzustand eines Mönchs, in seiner Herzensveranlagung und seinem Denken unerwartet einen völligen Wandel zu bewirken. Daher ist immer wieder Wachsamkeit geboten Der bereits zitierte heilige Agathon sagt: Ohne die strengste Achtsamkeit uns selbst gegenüber können wir in keiner der Tugenden Fortschritte machen.[36] Für Novizen ist es von Anfang an notwendig, alle Aufmerksamkeit darauf zu richten, sich mit dem Schutz frommer Sitten und Gewohnheiten zu umgeben, sie zu üben und sich mit aller Anstrengung anzueignen, sei es auch mit viel Mühe verbunden. Eine gute Gewohnheit, die in der Jugend unter Anstrengung erworben wurde, wird zu einer natürlichen Eigenschaft und zum ständigen Begleiter dessen, der sie erlangt hat. Wer sich mit einem Schutzwall guter Gewohnheiten des Leibes umgeben hat, kann gefahrlos seelischen Reichtum anhäufen: Dieser wird unzerstörbar bewahrt, denn er ist allseits von den entsprechenden Gewohnheiten des Leibes umhüllt. Demgegenüber kann eine schlechte Angewohnheit in kürzester Zeit den gesamten, über lange Zeit angehäuften, kräftezehrend unter großer asketischer Anstrengung errungenen Seelenreichtum zunichte machen, was es ungleich schwieriger werden lässt, diesen Reichtum erneut zu erlangen. Ursache solcher seelischen Missgeschicke ist insbesondere die Angewohnheit eines leichtfertigen Umgangs und das mit ihr verbundene, sie hervorrufende häufige Verlassen des Klosters und des Kellions.

Brüder! Beten wir zum Herrn und verbinden damit auch unsere eigenen Anstrengungen, auf dass Er uns zu der von Ihm gebotenen Ehrfurcht anleite, das Tor unserer Lippen behüte (Ps 140/141,3) wie auch unsere übrigen Glieder und unsere Sinne, die unbewacht zu offenen Einfallstoren für die Sünde werden, welche auf diesem Weg in die Seele gelangt und sie tötet. Amen.


[1] Typikon, Kap. 35.

[2] Die Himmelsleiter, Kap. 1, Spruch 34 (russ. Zählung: Spruch 18 f.).

[3] Ebenda, Kap. 9.

[4] Die Himmelsleiter, Kap. 4, Spruch 3 f.

[5] Johannes Cassianus: Von den Einrichtungen der Klöster, Viertes Buch, Kap. 8 und 9.

[6] So wird das Mönchtum in den Schriften vieler heiliger Väter bezeichnet, u. a. im Wort Über die Klugheit [24 Unterredungen, 2] des heiligen Johannes Cassianus, in den Unterweisungen des heiligen Dorotheos von Gaza, in einer Homilie des heiligen Symeon des Neuen Theologen.

[7] Die Himmelsleiter, Überschrift zu Kap. 28.

[8] Typikon, Kap. 37, sowie Die Himmelsleiter, Kap. 19, Spruch 5.

[9] Die Himmelsleiter, Kap. 28,3.

[10] Apophthegmata Patrum, Poimen. In den alten Klöstern wurde vom Lektor gewissenhafteste Korrektheit verlangt, vgl. hl. Johannes Cassianus: Von den Einrichtungen der Klöster, Zweites Buch, Kap. 11. Für Fehler beim Lesen wurden dem Lektor Bußstrafen auferlegt, vgl. ebenda, Viertes Buch, Kap. 16.

[11] Typikon, Kap. 27.

[12] Entnommen aus dem Typikon, dem Lesepsalter und dem Brauch in den am besten geordneten Klöstern Russlands.

[13] Typikon, Kap. 29.

[14] Hl. Dorotheos von Gaza: Unterweisungen, Unterweisung 3, Über das Gewissen.

[15] Hl. Nil von der Sora: Überlieferung, Hom. 5, im Abschnitt über das Maß bei den Speisen.

[16] Typikon, Kap. 35.

[17] Hl. Gregor vom Sinai: Sehr nützliche Kapitel, Kap. 18. (Philokalie, Bd. 4, russ. Bd. 5).

[18] Typikon, Kap. 35.

[19] Ebenda, sowie Apophthegmata Patrum.

[20] Brief an den Mönch Nikolaos.

[21] Apophthegmata Patrum.

[22] Der Verfasser hat diesen lobenswerten Brauch selbst gesehen, als er am Anfang seines Weges die erfahrensten Altväter aufsuchte.

[23] Vita des ehrwürdigen Symeon des Neuen Theologen.

[24] Hl. Dorotheos von Gaza: Unterweisungen, Vierte Unterweisung, Über die Gottesfurcht.

[25] Apophthegmata Patrum: Ein Spruch des ehrwürdigen Isaias, des Anachoreten.

[26] Hl. Isaak der Syrer: Asketische Homilien, Hom. 8 (griech. Zählung: Hom. 43), sowie hl. Symeon der Neue Theologe: 153 praktische und theologische Kapitel, Kap. 125 (Philokalie, Bd. 3, russ. Bd. 5).

[27] Von den Einrichtungen der Klöster, Viertes Buch, Kap. 16.

[28] Apophthegmata Patrum.

[29] Apophthegmata Patrum, alphabetische Reihe sowie thematische Reihe, Kap. 10.

[30] Es ist offensichtlich, dass diese Regeln ihren wesentlichen Prinzipien nach unbedingt eingehalten werden müssen, weil ihnen Weisungen der Apostel und der heiligen Väter zugrunde liegen, die zur sittlichen Überlieferung der Kirche gehören. Ebenso ist offensichtlich, dass ihre Anwendung in geringfügigen Details hinsichtlich der äußeren Ordnung auf die Situation im jeweiligen Kloster angepasst erfolgen muss.

[31] Asketische Homilien: Hom. 56, 46 und 89 (griech. Zählung: Hom. 23, 49 und 58).

[32] Synaxarion am 1. Januar, Vita des heiligen Basilios des Großen.

[33] Apophthegmata Patrum.

[34] Hll. Barsanuphios und Johannes: Anleitung zum geistlichen Leben, Antwort 256 und 258.

[35] Hl. Isaak der Syrer: Homilien, Hom. 9 (griech. Zählung: Hom. 7).

[36] Apophthegmata Patrum, Agathon.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.