Warum der heilige Ignatij relevant ist

Ein Interview mit Prof. A. Osipov, Professor der Geistlichen Akademie Moskau

Gehorsamsdienst und Gebet des heutigen Christen, nach der Lehre des heiligen Ignatij Brjantschaninow

Radiosender Radonezh, 15.07.2003

Ich glaube, dass die Bedeutung des hl. Ignatij Brjantschaninow für unsere Zeit außerordentlich groß ist. Der Grund dafür ist folgender: In diesen Zeiten kommen viele Menschen in die Kirche, viele Menschen suchen sogar nach einem klösterlichen Leben, viele sprechen (und hören noch mehr) von geistlicher Vollkommenheit. Doch immer seltener trifft man auf Menschen, die uns wirklich den richtigen Weg des geistlichen Lebens zeigen können.

In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung des heiligen Ignatij unschätzbar. Weil er selbst die Schriften der alten Väter – sowohl der östlichen als auch (natürlich bis zur Trennung Roms von der Orthodoxie) der westlichen – umfassend studiert hatte, sie tiefgründig kannte und selbst einen sehr anspruchsvollen Weg des geistlichen Lebens gegangen war, konnte diese patristische Überlieferung in die uns zur Verfügung stehende Sprache übersetzen und sie uns auf einer Ebene vermitteln, die unserem armseligen geistlichen Zustand zugänglich ist.

Tatsache ist, dass die Werke der heiligen Väter oft solche Fragen des geistlichen Lebens berühren, von denen wir jetzt nicht einmal träumen können, ja dieses Träumen sogar schädlich wäre! Die heiligen Väter schrieben teils über sehr hohe Zustände eines Christen, der sich Gott nähert. Wir befinden uns heute auf einem viel niedrigeren geistlichen Niveau als jene, und der Wert der Werke des Heiligen Ignatij liegt darin, dass er ihre Anweisungen, ihre Erfahrungen, ihre Ideen angepasst an unser geistliches Niveau übertragen hat. Gleichzeitig berührte er viele prinzipielle, grundlegende Fragen des geistlichen Lebens, die jetzt, in unserer Zeit, von großer Bedeutung geworden sind.

Nehmen Sie zum Beispiel das Problem des Gehorsams. Sehen wir doch heute überall, dass dieser Gehorsam dergestalt verstanden wird, wie es oft in sektenartigen Gemeinschaften, in sektenartigen Organisationen zu sehen ist – wenn deren Kopf und Anführer der Diktator der gesamten Gemeinschaft ist. Die Menschen vermischen heutzutage Disziplin und Gehorsam, ohne den Unterschied zwischen dem einen und dem anderen zu verstehen. Der heilige Ignatij hat gezeigt, was Gehorsam im asketischen, monastischen Sinne des Wortes ist.

Erstens, sagte er, ist wahrer Gehorsam nur dort möglich, wo aufrichtig nach geistlichem Leben gesucht wird. Zweitens lässt er sich nur dort verwirklichen, wo es Freiheit von der Vielzahl weltlicher Sorgen und von aller Hektik gibt. Es kann solchen Gehorsam also nur in einem Kloster geben. Drittens zeigte er, dass Gehorsam eine Beziehung zwischen einem Novizen und einem geistlichen Vater ist, die sich auf einem bestimmten geistlichen Niveau vollzieht – sowohl des geistlichen Vaters als auch des Novizen. Geistlicher Vater kann allein der sein, jemanden im Gehorsamsdienst haben kann nur der, der selbst echte Leidenschaftslosigkeit erreicht hat, der die Seele eines Menschen sieht. Nur so kann er ohne Versuchung in die Seele eines Novizen schauen und die besten Wege aufzeigen, dessen Leben zu korrigieren. Das ist sehr wichtig.

Worauf hat er dabei hingewiesen? Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Worte des hl. Johannes Klimakos und anderer früher Kirchenväter, die schreiben: „Bevor du dich jemandem übergibst, kenne, prüfe und versuche sozusagen den Steuermann, in dessen Hände du deine Seele geben willst, damit du statt eines ruhigen Hafens nicht auf Riffe triffst.“ Das heißt, er weist darauf hin: wann beginnt der Gehorsam? Wenn der Mensch den anderen Menschen sucht und findet, ihn intensiv kennenlernt, ihn prüft und versucht – natürlich nicht im Sinne der Versuchung, sondern indem er sich davon überzeugt, dass dieser Mensch wahrhaft geistlich ist, und ihn erst danach bittet, in seinen Gehorsamsdienst eintreten zu dürfen. Wie lautet dann in der Regel die Antwort? Nein! Denn die heiligen Väter betrachteten sich stets als niedriger als jene, die zu ihnen kamen. Sie schauten in die Seele dessen, der zu ihnen kam, und schlugen den meisten, der überwältigenden Mehrheit, ihre Bitte ab. Selten, selten nur nahmen sie jemanden zum Gehorsamsdienst an.

Schauen Sie nun, was heute los ist! Bataillone von Beichtvätern, Heerscharen von Novizen. Die Menschen haben vergessen, was das bedeutet! Dies aber zeigt uns Ignatij Brjantschaninow auf wunderbare Weise, was dieses heilige Prinzip der Orthodoxie, der Gehorsam, bedeutet.

Es gibt eine ganze Reihe anderer Fragen. Wir reden viel über das Gebet. Was ist Gebet? Ist es nicht offensichtlich, dass wir häufig das mechanische Lesen von Gebeten als Gebet bezeichnen? Den Vollzug einer Gottesdienstordnung – wir nennen ihn Gebet! Verstehen wir denn nicht, dass wir so viel lesen können, wie wir wollen, und dabei noch lange nicht beten! Gottesdienste abhalten, soviel wir wollen – und nicht beten!

Schauen Sie, was er über das Gebet schreibt, welche Gedanken der heiligen Väter er uns anheimstellt:

Er schreibt, dass man sein Gebet von Anfang an beginnen muss, nicht in der Mitte und nicht am Ende, und er legt dar, was dies bedeutet. Wie viele Leute wissen etwas darüber?

Wir hören vom Jesus-Gebet – Was ist das, wie sollen wir es praktizieren? Einerseits, bitteschön, nehmen Sie die „Erzählungen eines Pilgers“: Dort ist man im Handumdrehen bei drei-, sechs-, zwölftausend Jesusgebeten, ohne Ende! Auf der anderen Seite haben wir den heiligen Ignatij, der schreibt, dass das Gebet mit Aufmerksamkeit, Ehrfurcht, mit einem Gefühl der Reue und langsam verrichtet werden sollte – etwa eine halbe Stunde für hundert Jesus-Gebete! Welche Ehrfurcht! Allein schon dafür ihm alle Ehre und Lob! Aber es gibt bei ihm eine Vielzahl weiterer Dinge, die für uns, für unsere Zeit, für einen heutigen Christen äußerst notwendig sind.

Im geistlichen Leben kommt es darauf an, alles richtig zu machen. Worin aber liegt diese Richtigkeit in jedem einzelnen Fall? Sie kann ihre Besonderheiten aufweisen. Im Gebet – ja, muss es Bedachtsamkeit geben, Aufmerksamkeit – ja, ein Gefühl der Reue – sicherlich. Im geistlichen Leben aber, schreibt er, gibt es den Anfang des Weges, eine aktive Phase sozusagen, in der ein Mensch aufrichtig danach strebt, das zu erfüllen, was ihm aufgegeben wird, wenn er in einem Kloster lebt (das ist, was wir Gehorsam nennen – die Disziplin des Lebens). Ja, das ist notwendig! Aber – nicht nur, um diesen Gehorsam zu leisten, sondern um allmählich – während dieser Gehorsamsdienste – das Beten und die Achtsamkeit zu erlernen. Denn es gibt kein Mönchtum, wo keine Achtsamkeit gegenüber sich selbst besteht. Also was sollte selbst dieser äußere Weg, der erste Weg, der körperliche Weg, nach den Lehren von Ignatij Brjantschaninow (besser gesagt, nach den Lehren der Väter) wiederum beinhalten? Sich an das unaufhörliche Gebet zu gewöhnen! Anschließend kann eine Person dann unter Anleitung (falls vorhanden) allmählich zu Höherem übergehen.

Die Grundlage des Gebets ist das Gefühl der Buße, der Aufmerksamkeit, wie er sagt: „Aufmerksamkeit ist die Grundlage, die Seele des Gebets.“ Arbeit – äußere Arbeit, körperliche Arbeit – ist eine dem Gebet förderliche Bedingung, eine Bedingung, unter der eine Person sozusagen trainieren und beten muss. Denn welche Art von Übung kann es geben, wo kein Widerstand ist? Wie kann ich trainieren, wo es keine Hanteln gibt? Das Wort „askeo“ bedeutet „ich übe“. Diese Einübung aber geschieht auf dem Weg der Gehorsamsdienste, die einem Mönch in einem Kloster übertragen werden.

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