Klagelied eines Mönchs

(Band 1, Kapitel 1: Einführung)

Das poetische Klagelied eines Mönchs über seinen der sündigen Verlockung verfallenen Bruder bildet in gewisser Weise eine Quintessenz der asketischen Erfahrung des heiligen Ignatij.

(Der vollständige Text des Klagelieds ist in Band 1 der Edition Ausgewählte Werke enthalten.)


Und es begab sich, als Israel in die Gefangenschaft gefallen und Jerusalem verwüstet worden war, dass der Prophet Jeremias sich niederließ in Tränen, und wehklagte über Jerusalem. (Klgl 1, kslw.)

Allein bin ich in meiner Zelle; die Tür ist verschlossen; ein dichter Vorhang verhüllt das Fenster; ein bescheidenes Öllämpchen flackert in der Zimmerecke vor den heiligen Ikonen und vergießt sein dünnes, schmächtiges Licht in der Zelle. Mehr Beleuchtung ist auch nicht nötig: Ich habe alle Beschäftigung beiseitegelegt.

Verwirrt sitze ich auf meiner Schlafstatt, in zerstreutem Schweigen. Es ist, als wäre ich meiner Existenz beraubt. Nichts, worüber ich klar nachdenken könnte: Trauer erfüllt meine Seele; Tränen, die mir über die Wangen und auf die Kleidung strömen, ersetzen mir jedes andere Werk. Tretet nicht ein, nicht zu mir ein! Stört mein Schweigen nicht! Mit Freunden zu sprechen bin ich nicht in der Lage. Ich brauche die Einsamkeit: Allein zu klagen bin ich fähig. Je mehr mich die Klage umfängt, umso mehr dürstet mich nach ihr, gebe ich mich ihr hin. Wie bitter sie auch ist, so macht sie mich doch satt und tröstet mich. Sehnsuchtsvoll fliegt eine Turteltaube von einem trockenen Ast zum nächsten, setzt sich auf keinen grünen Zweig: So gelange auch ich von dem einen traurigen Gedanken zum nächsten traurigen Gedanken, von der einen traurigen Regung zur anderen; angenehme Gedanken und Gefühle kommen dem leidenden Herzen nicht nahe.

Als Jerusalem geplündert und zerstört, seine Bevölkerung aber gefangen in ferne Lande geführt worden war: da blieb der Prophet Jeremias, der vergeblich der Stadt Jerusalem Strafe für die Gesetzlosigkeiten seiner Bewohner verkündet, vergeblich die hartherzig und blind gewordenen Gesetzlosen zur Buße gerufen hatte, zwischen den Ruinen zurück, um seine Prophezeiung zu beweinen, die sich erfüllt hatte. Untröstlich wehklagte er über der Asche des niedergebrannten Tempels: Was als Wunder der Baukunst gegolten hatte, war der einzige Tempel auf Erden, der dem wahren Gott geweiht war. Untröstlich weinte der Prophet über den Trümmern der Stadt: der einzigen Stadt auf der Welt, wo die Verehrer des wahren Gottes Ihm die gottbefohlene, einzig gottgefällige Verehrung darbringen konnten.

Meine Tränen fallen nicht auf Trümmer und Ascheberge; keinen von Menschenhand aus Marmor, Pophyr und Zypressenholz errichteten Tempel beweine ich; nicht auf den Ruinen einer Stadt weine ich, die in Jahrhunderten erbaut worden ist, kraft mächtiger Könige, des Volkes, des Goldes; meine Seufzer ziehen nicht der vielköpfigen Menge der Judäer hinterher, die von einem zahlreichen Heer in die Knechtschaft geführt wird. Der Grund meiner Klage ist moralisch, ihr Boden ist die Sphäre des Geistlichen. Ich beweine die Zerstörung eines unsichtbaren, nicht mit Händen geschaffenen Tempels, von Gott für sichtbaren, erhabensten Gottesdienst geschaffen; ich beweine den Fall einer geheimnisvollen Stadt, die gnadenhaften Gedanken und Gefühlen zur Heimstätte bestimmt war; ich beweine die Gefangenschaft der Seele, des Verstandes und des Herzens, die von der Sünde besiegt worden sind. Gefesselt sind sie, diese Gefangenen, in die Ketten der Leidenschaften gelegt und in die Knechtschaft entführt. Entführt in das Reich und die Residenz des babylonischen Herrschers: unter die Macht des gefallenen Erzengels gegeben, der streng und mit Härte über allen gefallenen Vernunftwesen herrscht, seien es Engel oder Menschen.

Ich klage mit Tränen der Reue und Liebe. Ich versenke mich in die erlösende Trauer – nicht in jene, die dem Menschen den Tod bringt [vgl. 2 Kor 6,10]: Ich klage nicht über irgendetwas Flüchtiges, Vergängliches, Nichtiges. Mich ergreift die von meinem Vorvater Adam geerbte Klage, die jener anstimmte, um nach dem Verlust der paradiesischen Freuden Trost zu suchen. Es ist diese Klage ein Widerschein ewiger Seligkeit; sie ist Zeugnis dafür, dass diese ewigwährende Seligkeit einst im Besitz des Menschen war: Diese Klage ist das Mittel, die verlorene Gnade zurückzugewinnen. Als ihr Widerschein, als Seufzer und Erinnerung an diese Seligkeit, birgt diese Klage Labsal: Während sie das Herz mit Leid durchbohrt, salbt und benetzt sie es auch mit Trost. Mit Seinen allheiligen Tränen hat der Gottmensch die seelenrettenden Tränen der Reue und der Liebe gesegnet. Über dem seit vier Tagen toten Lazarus hat der Gottmensch allheilige Tränen vergossen; göttliche Tränen vergoss er um die menschenreiche Stadt, um das Volk, das Gottes Ankunft nicht erkannt hatte oder es doch vorgab. Nicht allein die Buhlerin wusch ihre Sünden durch das Wasser der Tränen ab [vgl. Lk 7,38]; nicht nur nutzten alle Sünder Tränen in ihrem Wunsch, durch Buße Frieden mit Gott zu schließen; auch der Erste der Apostel sah Tränen als notwendige Arznei für sich an, als Werkzeug der Errettung. Bitterlich weinte der große Petrus, nachdem er Christus verleugnet hatte [vgl. Mt 26,75]: Er heilte die tödliche sündige Wunde durch Klage und Tränen. Wer aber, der in Tränen zu Gott kam, wäre nicht erhört worden? Ahab, der ehrlose König von Israel, zeigte nur kurze Zeit Reue, benetzte sich mit nur wenigen Tränen, um anschließend erneut Gott durch seine Bosheit zu erzürnen. Doch die spärlichen Tränen, die kurze und fruchtlose Reue blieben nicht ohne Folge: Das Todesurteil, das über diesem vom Blut der Unschuldigen befleckten Götzendiener bereits verhängt war, blieb unvollstreckt. Ob er es gesehen habe, fragte die Stimme Gottes den Propheten Elija, durch den dem König das Urteil verkündet worden war: Hast du gesehen, wie Ahab sich vor mir gedemütigt hat? Um dieser nichtigen Reue willen, und der unbedeutenden wenigen Tränen, will Ich das Unglück nicht schon in seinen Tagen kommen lassen [1 Kön 21,29], obwohl Ich ihn für seine schrecklichen Verfehlungen zum furchtbarsten Tode bereits verurteilt und es ihm verkündet habe. Ich kann keinen Weinenden sehen, ohne ihm zu vergeben.

Oh mein Bruder, mein geliebter Bruder! Mein Herz leidet für dich; ich weine um dich und kann das Klagen nicht lassen. Zur Klage bewegt mich die Menschenliebe des Herrn Jesus, und das Unglück, das du erfahren hast. Aus den Tränen des Leidenden und ob seiner Sünden Klagenden leuchtet die Hoffnung der Erlösung wie ein Stern im Dunkel der Nacht. Vereine dein Klagen mit dem meinen, und deine Tränen mit den meinen. Der Herr wird uns nicht verachten, die wir zu Ihm beten und vor Ihm klagen, die wir nach Heilung streben durch Buße. Er, der wahre Buße spendet, schenkt sie uns in Fülle; Er, der Tränenspender, wird in uns die Quelle der Tränen öffnen; Er, der einzig die Befleckung der Seele zu reinigen vermag, wird uns durch Buße, Tränen und göttliche Gnade rein machen. Der Sünde Kinder sind Trauer und Klage, und durch ihre Kinder wird sie auch vertrieben und stirbt – durch Klage und Tränen.

So will ich beginnen, mein Wehklagen zu erheben! Durch Seufzen und Stöhnen werde ich die Enge meines Herzens lösen und erleichtern. Nicht sollen meine Worte der Klage dir ein Vorwurf sein oder dich verletzen; sie sind Ausdruck von Liebe, Zeichen der Anteilnahme und des Mitleidens, des Trostes und der Ermunterung, eine bescheidene Stimme, eine Mahnung zur Abkehr vom sündigen Leben und zu neuem Anfang auf dem Weg der heiligen monastischen Askese, ein Aufruf, das Joch der Sünde abzuwerfen und mannhaft für die geistliche Freiheit in den Kampf gegen die Mächte und Gewalten der Unterwelt zu ziehen. Meine Klage über dich ist zugleich eine über mich selbst: Auch ich bin übervoll der Sünde, und die schweren Ketten sündiger Gewohnheiten und Eindrücke lasten auf mir. Wenn ich es mir erlaube, über dich zu wehklagen, so wehklage auch du über mich. Verbinden wir unsere Herzen in der Klage! Treten wir vor Gott, in unsere Klage gehüllt wie in ein Gewand, das unsere seelische Nacktheit und Scham bedecken möge, die aus der Übertretung der Göttlichen Gebote herrührt: Bringen wir nicht eine leere und stolze Rechtfertigung unserer selbst vor Gott, mit der ja stets Sünde und Verderbnis des Menschen besiegelt sind, sondern ein Bekenntnis aus gebrochenem und demütigem Herzen. Durch entschiedenes und ehrliches Bekenntnis unserer Sünden, unseres Falls, unseres armseligen Zustands wollen wir in die Buße und die Erlösung eintreten. Die Buße ist das Tor zu Gott. Ziehet bekennend in seine Tore! verkündet und vererbt es der Prophet [vgl. Ps. 99/100,4] der ganzen Menschheit und lädt sie ein, Buße zu tun.

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