Seele und Nous: Krisensitzung

(Text aus Band 6, orig. AE II, 6)

Ein Text des heiligen Ignatij zur Verdeutlichung des christlichen Menschenbildes, wie es bei den heiligen Vätern gelehrt wird


Beratung der Seele mit dem Nous

Seele: Ich trauere unerträglich und finde keine Ruhe. Weder außerhalb noch in mir gibt es für mich Freude und Trost. Ich kann die Welt nicht ansehen, die so voller endloser Verführung, Täuschung, seelischem Verderben ist. Dass ich sie sorglos betrachtete, leichtfertig meinen Blick auf ihre Verlockungen richtete, ahnungslos darüber war, wie voller Gift ihre Eindrücke sind, kindhafte, unerfahrene Leichtgläubigkeit ihr gegenüber erwies – das hat ihre Pfeile auf mich gelenkt, die mich mit tödlichen Wunden bedeckten. Wozu schaue ich auf die Welt? Wozu bin ich so neugierig, will sie erforschen und mich an sie hängen, da ich doch nur für kurze Zeit auf der Welt bin? Mit Gewissheit werde ich sie verlassen, ich weiß nur nicht, wann das geschieht. Jeden Tag, jede Stunde muss ich bereit sein, in die Ewigkeit abberufen zu werden. Egal wie lange meine Wanderung durch die Einöde dieser Welt dauern mag: Es ist bedeutungslos angesichts der unermesslichen Ewigkeit, vor der Stunden, Tage, Jahre und Jahrhunderte gleich sind. Auch die Welt selbst mit all ihrer grandiosen Geschäftigkeit geht vorüber: Die Erde und die Werke darauf verbrennen (2 Petr 3,10). Die Werke, die verbrennen – es sind die Früchte des Sündenfalls und des Verworfenseins der Menschen. Die Wunden, die mir diese Welt zugfügt hat, erweckten in mir Abneigung zu ihr. Doch sie bewahrten mich nicht vor neuen Wunden. Ich möchte nicht inmitten der Welt sein! Ich will mich ihr nicht unterwerfen! Ich möchte mich nicht daran beteiligen, ihr zu dienen! Ich will sie noch nicht einmal sehen! Doch sie folgt mir überall hin: Sie dringt mit Gewalt ein, präsentiert sich meinen Augen in verführerischer Schönheit, nimmt mir die Kraft, verwundet, besiegt und zerstört mich. Ich selbst trage stets die Wurzeln der Illusion und Selbsttäuschung in mir, die mir die Sünde eingepflanzt hat, und halte sie fest. Ich lasse mich auch weiterhin von der Welt verführen, die ich verachte, fühle mich unwillkürlich zu ihr hingezogen, trinke gierig ihr Gift und lasse die Pfeile, mit denen sie auf mich zielt, tief in mich eindringen.

Dann wende ich meinen sehnsüchtigen und neugierigen Blick von der Welt auf mich selbst: Nichts Tröstliches erkenne ich an mir. In mir brodeln unzählige sündige Leidenschaften! Unablässig beflecken mich die verschiedensten Sünden: Einmal quälen mich Zorn und Nachträglichkeit, dann wieder fühle ich, wie das Feuer der Unzucht in mir entflammt. Mein Blut wird aufgewühlt, meine Fantasie durch irgendeine Wirkung befeuert, die mir fremd und feindselig ist; ich sehe verlockende Bilder vor mir, die mich dazu verleiten, von der Sünde zu träumen und die zerstörerische Verlockung zu genießen. Ich habe nicht die Kraft, vor diesen verführerischen Bildern davonzulaufen: Meine kranken Augen werden unwillkürlich und mit Macht von ihnen angezogen. Und es gibt keinen Zufluchtsort! Ich floh in die Einöde: Doch die Bilder der Sünde begleiteten mich dorthin, eilten mir gar voraus – ich weiß es nicht; in der Einöde erschienen sie mir mit besonderer, mörderischer Eindringlichkeit. Dabei sind diese Bilder nicht wirklich: Die Bilder, ihre Existenz, ihre Reize – alles Täuschung und Verführung. Zugleich aber sind sie lebendig, und nichts, weder die Zeit selbst noch die Schwäche des Alters, kann sie abtöten. Allein die Tränen der Reue können sie aus der Vorstellung löschen – doch ich habe keine Tränen der Reue. Das demütige Gebet, verbunden mit der Wehklage des Herzens, radiert sie aus der Vorstellung aus – doch ich habe kein solches Gebet. Mein Herz bleibt ungerührt, ohne rettende Trauer: Es ist reglos in mir wie ein Stück taubes Gestein. Obwohl meine Sündhaftigkeit so schrecklich ist, richte ich nur selten meinen Blick auf sie. Obwohl in mir das Gute mit dem Bösen vermischt und so selbst zum Bösen geworden ist, wie feines Essen zu Gift wird, wenn man es mit Gift vermischt, denke ich nicht an diesen unglücklichem Zustand des Guten, das mir bei der Schöpfung geschenkt und im Sündenfall beschädigt und entstellt wurde. Vielmehr beginne ich, das Gute in mir selbst als unversehrt und makellos zu betrachten und es zu bewundern: Meine Eitelkeit führt mich von der fruchtbaren und fetten Weide der Reue in ein fernes Land! In ein felsiges und karges Land, in ein Land voller Dornen und Unkraut, in das Land der Lügen, der Selbsttäuschung und der Zerstörung. Ich lasse von der Erfüllung der Gebote Christi ab und beginne, den Eingebungen meines Herzens zu folgen, seinen Gefühlen, seinem Willen; anmaßend nenne ich die Empfindungen der gefallenen Natur gut, ihre Werke tugendhaft, nenne solche Güte und Tugend würdig aller irdischen und himmlischen, menschlichen als auch göttlichen Belohnungen.  Als ich versuchte, die Gebote Christi zu erfüllen, den Willen meines Herzens dagegen zu ignorieren und zu bezwingen, erkannte ich mich als Schuldner gegenüber Gott und den Menschen, als untreuen und unnützen Knecht! Auf die Selbsttäuschung folgten Traurigkeit, Verzweiflung und eine Art schreckliche Finsternis. Die Traurigkeit raubt mir die sittliche Handlungskraft, die Verzweiflung macht mich schwach im Kampf gegen die Sünde, die undurchdringliche Finsternis aber, Folge der Traurigkeit und Verzweiflung, verbirgt vor mir den Herrn, Sein mir drohendes unbestechliches Urteil, Seine für christliche Tugend versprochenen Belohnungen wie auch die versprochenen Strafen für die Ablehnung des Christentums mit seinen allheiligen Satzungen. So beginne ich bedenkenlos zu sündigen, und das Gewissen schweigt dazu, als sei es tot oder schliefe in dieser Zeit. Selten, sehr selten nur kommt es zu einem Moment der Rührung, des Lichts und der Hoffnung. Dann nehme ich mich anders wahr. Aber solche lichten Augenblicke sind kurz. Selten nur klärt mein Himmel auf; schon kommen erneut Leidenschaften wie schwarze Wolken über mich, stürzen mich wieder in Dunkelheit, Verwirrung, Zweifel und Vernichtung. Mein Nous! Du bist der Anführer der Seele. Belehre mich! Bringe mir selige Ruhe! Lehre mich, wie ich das Tor zu den Eindrücken der Welt verschließen muss, wie ich die Leidenschaften, die in mir aufsteigen, zügeln und unterdrücken kann. Die Welt und die Leidenschaften haben mich gequält und zerrissen.

Nous: Meine Antwort wird dich enttäuschen. Bin ich doch ebenso wie du, liebe Seele, von der Sünde geplagt. Mir ist durchaus bewusst, wovon du sprichst. Doch wie kann ich dir helfen, da ich selbst tödlich verwundet bin und mir die Macht genommen ist, unabhängig zu handeln? In meinem unablässigen Wirken, wie es mir vom Schöpfer aufgetragen und zugeeignet wurde[1], bin ich ständig äußeren Einflüssen ausgesetzt. Die Einflüsse der Sünde sind es, durch die ich verwundet und geschwächt werde. Diese Einflüsse lenken mich ständig von Gott ab, von der Ewigkeit, führen mich in die Verlockungen der eitlen und vergänglichen Welt, in die Verführung durch mich selbst, in die Verführung durch dich, Seele, in die Verführung durch die Sünde und die Verführung durch gefallene Engel. Meine größte Unzulänglichkeit liegt in der Unaufmerksamkeit – sie quält mich ohne Ende. Ich lenke mich ab, begebe mich auf Höhenflüge, wandere ohne Not und ohne Nutzen durch das Universum, wie es auch die anderen verworfenen Geister tun. Gern würde ich davon ablassen, aber ich kann nicht: Die Zerstreuungen reißen mich mit sich fort und tragen mich davon. Abgelenkt durch meine Unaufmerksamkeit, kann ich weder dich, meine Seele, noch mich selbst so ansehen, wie ich sollte. Unkonzentriert, wie ich bin, kann ich dem Wort Gottes nicht so lauschen, wie ich sollte: Äußerlich wirke ich aufmerksam, und doch schweife ich unwillkürlich in alle Richtungen ab, während ich versuche zuzuhören; ich lasse mich in die Ferne treiben zu völlig anderen Dingen, über die nachzudenken für mich nicht nur unnötig, sondern äußerst schädlich ist. Wegen dieser verderbenbringenden Ablenkung kann ich Gott kein starkes, echtes Gebet darbringen und mir keine Gottesfurcht aneignen, durch die allein meine Zerstreutheit vernichtet und meine Gedanken gehorsam mir gegenüber würden – Gedanken, in denen ich dir, meine Seele, meine tief empfundene Reue und Rührung ausdrücken könnte. Meine Unaufmerksamkeit macht dich hartherzig, und dank deiner Hartherzigkeit und Gefühllosigkeit lenke ich mich nur noch leichter ab. Die Unaufmerksamkeit ist der Grund für meine Schwäche im Kampf gegen die sündigen Gedanken. Meine Zerstreutheit lässt mich Dunkelheit und Schwere empfinden: Wenn ein sündiger Gedanke zu mir kommt, erkenne ich ihn nicht sogleich, nicht schnell genug, zumal wenn er sich hinter irgendeiner Rechtfertigung verbirgt. Selbst wenn er offen vor mich tritt, erweise ich zu seiner Abwehr keine entschiedene und unversöhnliche Abneigung gegen ihn, sondern lasse mich auf einen Dialog mit meinem Mörder ein, genieße das tödliche Gift, das er mir heimlich einflößt. Ich gehe nur selten als Gewinner hervor, viel öfter als Verlierer. Wegen meiner Unaufmerksamkeit überwältigt mich das Vergessen: Ich vergesse Gott, ich vergesse die Ewigkeit, ich vergesse, dass die Welt falsch und trügerisch ist, fühle mich zu ihr hingezogen und ziehe dich, meine Seele, mit mir. Ich vergesse meine Sünden. Ich vergesse meinen Sturz, ich vergesse meine Notlage: In meiner Finsternis und Selbsttäuschung fange ich an, Verdienste in dir und in mir selbst zu finden. Ich fange an, Anerkennung für diese Verdienste in der trügerischen Welt zu suchen und erheischen, in einer Welt, die mir gern einen Augenblick lang zustimmt, um mich später umso boshafter zu verlachen. In uns gibt es keine Tugenden: Die Würde des Menschen ist durch den Sündenfall vollkommen befleckt, und er tut recht daran, wenn er sich, wie ein großer Asket rät, für abscheulich hält.[2] Wie sollte er nicht abscheulich sein: ein schwaches, kleinstes Geschöpf, das vom allmächtigen Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren aus dem Nichts ins Dasein gerufen wurde und sich dann gegen seinen Schöpfer erhoben hat? Wie sollte dieses Geschöpf keine Abscheulichkeit sein: Nichts Eigenes hat es, hat alles von Gott erhalten und rebelliert dennoch gegen Gott? Ist ein Wesen etwa nicht verabscheuungswürdig, wenn es angesichts des Paradieses, inmitten der himmlischen Seligkeit, sich nicht schämte, sondern bereitwillig erlaubte, schrecklichsten Verleumdungen und Lästerungen gegen Gott zu lauschen, wenn es seine unmittelbare Zustimmung zu diesen Verleumdungen und Gotteslästerungen dadurch bewies, dass es die göttlichen Gebote aktiv missachtete? Ist denn ein Nous nicht abscheulich, der unablässig unreine und böse Gedanken hegt und hervorbringt, Gedanken, die stets gottfeindlich sind? Ist eine Seele nicht abscheulich, in der sich unablässig wilde und gespenstige Leidenschaften regen wie giftige Schlangen, Eidechsen und Skorpione in einem tiefen Graben? Ist nicht ein Körper eine Abscheulichkeit, der, in Gesetzlosigkeit gezeugt und in Sünden geboren, in seinem kurzen Erdenleben ein Instrument der Sünde ist und am Ende dieses Erdenlebens zur Quelle tödlichen Übelgeruchs wird? Wir, liebe Seele, bilden gemeinsam ein geistiges Wesen: Ich denke, du fühlst. Aber wir werden durch die Sünde nicht nur verwundet, wir werden durch sie sozusagen in zwei Einzelwesen zerrissen, die fast immer gegensätzlich zueinander handeln. Wir sind getrennt, entgegengesetzt, wir sind von Gott getrennt! Durch die Sünde, die in uns lebt, stehen wir im Gegensatz zum allheiligen und vollkommenen Gott Selbst!

Seele: Deine Antwort ist traurig, aber wahr. Es liegt ein gewisser Trost darin, dass unsere schlimme Lage unser gegenseitiges Verhältnis betrifft; wir können also unsere Trauer teilen und einander helfen. Gib einen Rat: Wie kommen wir aus unserem umfassenden Missstand heraus? Mir ist aufgefallen, dass meine Gefühle immer deinen Gedanken entsprechen. Das Herz kann einen Gedanken nicht lange bekämpfen: Stets unterwirft es sich ihm, und wenn es Widerstand leistet, dann widersetzt es sich nur für kurze Zeit. Mein Nous! Sei der Anführer auf dem Weg unserer gemeinsamen Errettung.

Nous: Ich stimme zu, dass das Herz dem Denken nicht lange widerstehen kann. Andererseits rebelliert es, nachdem es einen Augenblick lang Unterwerfung gezeigt hat, sogleich wieder selbst gegen ein wahrhaftes, gottgefälliges Denken; es rebelliert mit solcher Kraft und Erbitterung, dass es mich fast immer zu Fall bringt und mit sich fortreißt. Nachdem es mich zu Fall gebracht hat, beginnt es in mir absurdeste Ideen hervorzubringen, in denen sich meine innersten Leidenschaften ausdrücken und offenbaren. Was soll ich erst zu meinen Gedanken sagen? Wegen meiner Verwundung und Beschädigung durch die Sünde sind meine Gedanken äußerst wankelmütig. Am Morgen etwa kommen mir zunächst wie gewohnt Gedanken an unser geistliches Leben, an unsichtbare, mühevolle Askesewerke, an unsere Lage, Verhältnisse und Umstände hier auf Erden, an unser Schicksal in der Ewigkeit. Diese Gedanken schienen mir guten Grund zu haben. Dann aber, gegen Mittag oder früher, verschwinden sie plötzlich wie von selbst, beispielsweise durch irgendeine unerwartete Begegnung; sie werden durch andere ersetzt, die gleichfalls wichtig erscheinen. Am Abend kommen neue Gedanken, mit neuen Rechtfertigungen. Nachts beunruhigen mich wieder andere Gedanken, solche, die sich tagsüber irgendwo versteckt hielten, um mir in der Stille der Nacht plötzlich wie aus einem Hinterhalt entgegenzutreten und mich mit einem verlockenden, mörderischen sündigen Bild zu erregen. Vergebens erkenne ich, gelehrt durch das Wort Gottes, nur solche Gedanken als rechtens an, auf die du, Seele, mit einem Zustand tiefer Ruhe, Demut und Liebe zu deinen Nächsten reagierst. Vergebens weiß ich, dass alle Gedanken, nicht nur solche, die dich quälen und krank machen, sondern auch solche, die dich nur ein wenig verwirren, ein wenig hartherziger machen, fern der Wahrheit sind, ganz und gar falsch, trügerisch und verhängnisvoll, unabhängig vom Anschein der Ehrbarkeit, mit dem sie daherkommen. Dieses Wissen ist vergebens! Dieses sichere Zeichen, das doch in der Welt der Geister das Gute vom Bösen deutlichst unterscheidet, ist vergebens! Aufgrund des unbegreiflichen Gebrechens, das ich in mir trage und nur aus eigener Erfahrung verstehen lernen kann, ist es mir unmöglich, mich von den mörderischen Gedanken lösen, die die Sünde in mir erzeugt. Ich kann sie weder unterdrücken noch vertreiben, wenn sie wie Würmer in mir hervorkriechen. Ich kann sie weder vertreiben noch von mir wegstoßen, wenn sie mich von außen angreifen, wie Räuber, wie wilde, blutrünstige Tiere. Sie halten mich in harter Knechtschaft gefangen, sie peinigen mich, quälen mich, zu jeder Stunde bereit, mich in Stücke zu reißen, mich mit dem ewigen Tod zu schlagen. Die Qualen, die sie verursachen, teile ich unwillkürlich auch mit dir, Seele, ich teile sie selbst noch mit unserem Körper, der gebrechlich und schwach ist, weil unzählige Wunden ihn bedecken, da die Pfeile und Schwerter der Sünde ihn durchbohren. Krank vom Gift des ewigen Todes, trauerst du unerträglich, meine Seele, und suchst nach Trost, kannst ihn aber nirgends finden. Vergeblich hoffst du, diesen Trost in mir zu finden: Ich wurde zusammen mit dir getötet. Gemeinsam mit dir bin ich in einem engen und düsteren Grab begraben: im Nichtsehen und Nichtwissen Gottes. Dass wir uns dem lebendigen Gott gegenüber verhalten, als wäre Er tot und nicht existent, ist der getreuliche Beweis unserer eigenen Abtötung.

Seele: Mein Anführer! Mein Auge! Meine höchste geistliche Kraft! Mein Nous! Du versetzt mich in ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Wenn du, mein Licht, dich selbst als Dunkelheit erkennst, was kann ich dann von meinen anderen Kräften erwarten, die ich mit den vernunftlosen Tieren teile? Was kann ich von meinem Willen erwarten, jener Kraft des Verlangens, der Eifersucht, des natürlichen Zorns, die doch nur dann anders wirken kann als beim Vieh, bei Tieren und Dämonen, wenn sie unter deiner Führung steht? Du hast mir gesagt, dass das Wort Gottes trotz all deiner Schwachheit, all deiner Finsternis, all deiner Leblosigkeit immer noch auf dich wirkt und dir zumindest ein Zeichen dafür gegeben hat, um Gut und Böse zu unterscheiden, was ja die größte Schwierigkeit darstellt. Und ich bin nun Teilhaber dieses Wissens! Schon verspüre auch ich, wenn ich Erregung und Verstimmung empfinde, zugleich die Unrichtigkeit meines Zustands, spüre Misstrauen und Abneigung gegenüber diesem Zustand, versuche, mich aus diesem für mich unnatürlichen, feindseligen Zustand zu befreien. Umgekehrt: Welchen Trost empfinde ich, wie in einer vertrauten Umarmung, wenn du, sei es auch nur für kurze Zeit, in Gedanken an das Wort Gottes innehältst! Welch Lobpreis Gottes erhebt sich aus der Tiefe meines Herzens, aus seinen innersten Schatzkammern! Welche Ehrfurcht überwältigt mich im Angesicht der Größe Gottes, die mir dann offenbart wird! Als welch unbedeutendes Staubkorn komme ich mir inmitten des riesigen und vielgestaltigen Universums dann vor! Welch gesegnete, wie vom Hauch himmlischer Lüfte herbeigerufene Stille beginnt mich zu durchziehen und mir Linderung zu verschaffen, die ich erschöpft bin von der Hitze und dem Mangel an Regen! Wie süß und heilsam die Tränen, die aus dem Herzen entspringen, zum Kopf aufsteigen und aus einem demütigen, sanftmütigen Auge auf die erhitzte Wange fließen, einem Auge, das jeden und alles so friedlich und liebevoll ansieht! Dann spüre ich die Heilung meiner Natur! Dann ist der innere Kampf vorbei! Dann sind meine durch die Sünde geteilten und in Stücke gerissenen Kräfte wieder vereint. Nachdem ich mit dir und meinen anderen Kräften eins geworden bin und auch meinen Körper in diese Einheit hineingeführt habe, spüre ich die Barmherzigkeit des Schöpfers gegenüber Seiner gefallenen Schöpfung. Ich erfahre die Bedeutung und Kraft des Erlösers, Der mich mit Seinem allmächtigen und lebenschaffenden Gebot heilt. Ich bekenne Ihn! Ich sehe das Wirken des verehrten Allheiligen Geistes, Der vom Vater ausgeht und vom Sohn gesandt wird! Ich sehe das Wirken des Gott-Geistes, der durch den Gott-Logos eingeführt wurde und Seine Göttlichkeit in Seiner schöpferischen Kraft offenbart, so dass das zerbrochene Gefäß in ursprünglicher Ganzheit und Schönheit erscheint, als wäre es nie zerbrochen. Mein Nous! Wende dich dem Wort Gottes zu, aus dem uns bereits so viel Gutes zuteil geworden ist, das wir aber durch unsere Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Gaben Gottes verloren haben. Wir haben die unschätzbaren, geistlichen Gaben gegen den trügerischen Geist jener Gaben eingetauscht, die uns Sünde und Welt durch ihr Gift anbieten. Mein Nous! Wende dich dem Wort Gottes zu! Suche dort nach Trost für mich: Gerade jetzt ist meine Trauer unerträglich, und ich habe Angst, bloß nicht in den endgültigen Untergang, in die Verzweiflung zu fallen.

Nous: Das Wort Gottes, liebe Seele, löst unseren Widerstreit auf beste Weise. Aber viele Menschen, die das Wort des Geistes gehört und es für sich selbst nach ihrem fleischlichen Verständnis interpretiert haben, sagen über das lebensspendende Wort Gottes: Das ist eine harte Rede! Wer kann sie hören? (Joh 6,60). So höre, o Seele, was der Herr gesagt hat: Wer seine Seele findet, der wird sie verlieren; und wer seine Seele verliert um Meinetwillen, der wird sie finden! (Mt 10,39). Wer seine Seele liebt, der wird sie verlieren; wer aber seine Seele in dieser Welt hasst, wird sie zum ewigen Leben bewahren (Joh 12,25).

Seele: Ich bin bereit zu sterben, wenn Gott es befiehlt. Aber wie kann ich sterben, ich Unsterbliche? Ich kenne keine Waffe, die mir das Leben nehmen könnte.

Nous: Glaube nicht, Seele, dass das Gebot Christi nur dir befiehlt, zu sterben, und ich von diesem Urteil ausgenommen wäre. Nein! Ich muss den Kelch dieses Todes mit dir teilen und der Erste sein, der ihn leert, als der Hauptschuldige an unserem gemeinsamen Sturz, unserer Verworfenheit, unserer Katastrophe, unseres zeitlichen und ewigen Todes. Der Tod und die Zerstörung aber, die Gott von uns fordert, besteht nicht in der Zerstörung unserer Existenz: Es geht um die Zerstörung der Eigenliebe, die sozusagen zu unserem Leben geworden ist. Eigenliebe ist die verzerrte Liebe eines gefallenen Menschen zu sich selbst. Die Eigenliebe vergöttert ihre gefallene, falsche Vernunft, versucht stets und in allem, ihren gefallenen, fehlgeleiteten Willen zu befriedigen. Eigenliebe drückt sich gegenüber dem Nächsten entweder durch Hass oder durch Gefälligkeit aus, also durch Beifall zu seinen menschlichen Leidenschaften; gegenüber den weltlichen Dingen aber manifestiert sie sich als Missbrauch und Sucht. So wie die heilige Liebe ein Band der Vollkommenheit ist (Kol 3,14) und aus der Fülle aller Tugenden besteht, so ist die Eigenliebe jene sündige Leidenschaft, die aus der Fülle aller anderen sündigen Leidenschaften besteht. Um die Eigenliebe in uns zu zerstören, muss ich alle meine Erkenntnisse verwerfen, die mir menschliche Überlieferung und die Elementarmächte der Welt vermitteln (Kol 2,8), wäre ich auch sehr reich an solchen Erkenntnissen. Ich muss mich in die Armut des Geistes vertiefen und, entblößt von dieser Armut, mit Tränen gewaschen, durch Sanftmut, Reinheit und Barmherzigkeit liebkost und erweicht, aus der Hand des Erlösers jene Vernunft annehmen, die Er mir zu geben wünscht. Diese Hand ist das Evangelium. Du aber, meine Seele, musst auf deinen Willen verzichten, egal wie schmerzhaft es für dein Herz sein mag, selbst wenn dir die Gefühle und Wünsche deines Herzens edelmütig und anmutig erscheinen mögen. Anstelle deines eigenen Willens musst du den Willen Christi, unseres Gottes und Erlösers, erfüllen, egal wie abgeneigt und hart dies dem eigenliebenden Herzen vorkommen mag. Dies ist der Tod, den Gott von uns verlangt, damit wir durch solch freiwilligen Tod jenen Tod zerstören, der gewaltsam in uns herrscht, und als Geschenk die Auferstehung und das Leben erhalten, die vom Herrn Jesus kommen.

Seele: Ich entscheide mich zu dieser Selbstaufopferung: Allein aufgrund der Worte, die du über die Selbstaufopferung gesprochen hast, habe ich bereits begonnen, Freude und Hoffnung zu empfinden. Kehren wir dem Leben, das zur Hoffnungslosigkeit führt, den Rücken und akzeptieren wir diesen Tod, als das Unterpfand der Erlösung. Führe mich, mein Nous, auf dem Pfad der Gebote Gottes und bleibe selbst unerschütterlich in dem Wort, Das über Sich Selbst verkündete: Wer in Mir bleibt und ich in Ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von Mir könnt ihr nichts tun (Joh 15,5). Amen.


[1] Kallistos Kataphygiotes (Philokalie, Bd. 5).

[2] Ein Bruder bat den ehrwürdigen Sisoes den Großen, ein Wort zu seinem Nutzen zu sagen. Der Altvater antwortete ihm, dass ein Mönch niedriger sein sollte als Götzen. Auf die Frage seines Bruders, was es bedeutet, niedriger zu sein als Götzen, sagte der Altvater: Die Schrift sagt über Götzen: „Sie haben Lippen und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht“: So sollte ein Mönch sein. Und so wie Götzen eine Abscheulichkeit sind, so soll ein Mönch von sich selbst denken, dass er eine Abscheulichkeit ist (Apophthegmata Patrum).

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