Contra Herzen

Ein Zeitzeugnis

Alexander Herzen und Ignatij Brjantschaninow
– Alexander Herzen und Ignatij Brjantschaninow –

Die nachfolgenden Dokumente aus dem Jahr 1859 spiegeln eine eher unbekannte Seite des heiligen Ignatij wider: Er polemisiert gegen Alexander Herzen und die „Jakobiner“, da er in deren politischen Bestrebungen frühzeitig die Wurzeln dessen erblickt hatte, was Russland später als „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ in ein Chaos stürzen sollte, von dem es sich bis heute nicht erholt hat.

Den Anfang bildet ein „Hirtenruf“ des Bischofs Ignatij, ein Rundschreiben mit Hinweisen an den ihm unterstellten Klerus des Kaukasusgebiets, wie mit Fragen und Diskussionen um die bevorstehende Abschaffung des Leibeigenschaft umzugehen sei.

Alexander Herzen reagierte mit einem bissigen Artikel in seiner eigenen, in London erscheinenden Zeitschrift „Kolokol“ (Glocke) über den „Sappeur in Christus Ignatij“ – in Anspielung auf dessen kurze Offizierslaufbahn bei der Pioniertruppe.

Posthum wurde dann Randnotizen des Bischofs zu diesem Artikel gefunden sowie ein Kommentar dazu (unten als drittes Dokument veröffentlichtet).

Gemeinsam abgedruckt wurden diese drei Dokumente zuerst in der Zeitschrift „Bogoslovskij vestnik“ (Theologischer Bote, 1913, Bd. 1, Nr. 2, S. 196-207).

PDF des russischen Textes

Vermutlich erfolgte die Publikation dort durch den damaligen Redakteur des „Boten“ Pavel Florenskij. Dieser teilte in seiner Annotation dazu mit, dass Priestermönch Ignatij Sadkovskij dieses Material im (der Sergius-Einsiedelei zugefallenen) Nachlass des Bischofs Ignatij gefunden habe. Obwohl ohne Unterschrift, hat der Herausgeber keine Zweifel an der Autorenschaft des Vladyka Ignatij – sie wird belegt „durch die Datierung der Handschriften, durch die Entschiedenheit, mit der die Gedanken und Gefühle des Bischofs darin vorgebracht werden, durch die Mitteilung verschiedener privater Lebensumstände, die allein Ignatij selbst bekannt waren … durch den präzisen und vornehmen, für Ignatij charakteristischen Stil … die unbezweifelbar edle Manier, dem Gegner zu widersprechen“ (ebd., S. 195 f.).  


Hirtenruf

Zur Frage der Befreiung der Bauern aus der leibeigenschaftlichen Abhängigkeit

Vom 17. Januar 1859

PDF

Der Adel der Provinz Stavropol hat bei Seiner Kaiserlichen Hoheit, dem Herrscher und Zaren darum ersucht, dass aus ihren Reihen ein besonderes Komitee gebildet würde, um ein „Projekt einer Festlegung zur Lage und zur Verbesserung der Existenz der leibeigenen Bauern dieser Provinz“ zu verfassen. Der Herrscher und Zar hat dieses Ersuchen der Annahme gewürdigt und geruht, in Seiner allerhöchsten Antwort zu erlassen, dass in der Stadt Stavropol in dieser Angelegenheit ein Sonderkomitee unter Vorsitz des Herrn Oberhaupts der Adligen dieser Provinz einzurichten sei [am 11. Juli 1858, d. Hg.]. Um diesem Höchsten Willen Genüge zu tun, ist durch den Zivilgouverneur Generalleutnant Volozkij am 15. Januar des laufenden Jahres 1859 im Anschluss an ein feierliches Gebet in der städtischen Domkirche das Stavropoler Komitee „Zur Angelegenheit der Verbesserung der Existenz der leibeigenen Bauern“ gegründet worden.

Es ist überaus naheliegend, dass in dieser wichtigen Angelegenheit, die zu ihrer Anleitung nach Gewissen und Vernunft ganz besonders das barmherzige Licht der Lehre Christi benötigt, das vom Evangelium ausgeht und von der Heiligen Kirche vermittelt wird, sowohl die Gutsherren als auch Bauern sich um ein Wort der Erbauung, einen Rat, ein Wort des Trostes und Friedens an die Hirten der Kirche wenden werden. Aus diesem Grunde erachte ich es für meine heiligste Pflicht, den kirchlichen Hirten des kaukasischen Bistums in aller Klarheit und Bestimmtheit die Richtung zu weisen, die diese in Gesprächen mit der Herde über eine so wichtige Sache einnehmen und stets beherzigen sollen, wie es die Verbesserung der Existenz der leibeigenen Bauern ist.

Diese Richtung ist bereits durch den Herrn selbst vorgegeben worden und wird wie in einer Schatzkammer im Göttlichen Evangelium bewahrt, in dem der aufmerksame und fromme Leser die Lösung jeglicher Fragen und Anleitung zu vernünftigstem und allgemeinnützlichem Handeln in allen verschiedenartigen Lebensfällen findet. Der heilige Evangelist Lukas berichtet (Lk 12,13-31), wie jemand sich an den Herrn Jesus Christus mit der Bitte wandte, Er möge bei der Aufteilung des Vermögens zwischen diesem und dessen Bruder entscheiden. Der Herr sprach als Antwort folgende bemerkenswerten, von tiefer Weisheit und Heiligkeit erfüllten Worte: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt? […] Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier!“ Anschließend stellte der Herr in einem für alle verständlichen Gleichnis dar, wie gefahrvoll die Leidenschaft der Habgier ist, wie illusorisch die verführerischen Träume sind, die diese Leidenschaft in der Vorstellung ausmalt, und dass diese niemals wirklich wahr werden, sondern nur demjenigen Tugend und die Errettung als Krönung der zeitlichen Tugend rauben, die sich davon gefangennehmen lassen. Diese Antwort unseres Herrn und Sein Verhalten in dem angeführten Geschehen können – und müssen daher auch – den Hirten der Kirche ein völlig hinreichendes und richtungsweisendes Beispiel für ihr Verhalten und ihre Gespräche in der vorliegenden, unser Vaterland betreffenden Frage sein. Mit aller Deutlichkeit ist erkennbar, dass die Antwort des Herrn an jenen, dem es um die Aufteilung seines Vermögen mit seinem Bruder ging, auf zwei Aspekte dieser Angelegenheit zielt. Erstens hat der Herr die materielle Seite der Sache angesprochen, also die Aufteilung des Vermögens an sich, und es vorgezogen, Sich jeder Beteiligung am Urteil in dieser Sache hinsichtlich ihrer rechtlichen, materiellen Seite zu enthalten. Zweitens hat der Herr die geistliche Seite der Angelegenheit Seiner gesamten Aufmerksamkeit und tiefgründigen Belehrung gewürdigt. Er verwies darauf, dass es in dieser und damit auch in jeder gleichgearteten Sache vorrangig ist, einen Hang zu verborgener Habsucht zu fürchten und zu vermeiden, weil aus dieser wie aus einem Samenkorn unzweifelhaft andere, offensichtlichere Leidenschaften entspringen werden, die für den Einzelnen und die Gesellschaft offenkundig verderbenbringend sind. Dies sind: Neid, Verdächtigungen, üble Nachrede, Aufruhr und letztlich offener Hass, Feindschaft und Streit mit ihren bitteren Folgen. Der Anfang all dieser Folgen ist die Leidenschaft der Habgier, und der Herr als allwissender Gott hat die Menschen, die ihren Besitz aufteilen wollten, vorausschauend auf den verborgenen Quell des Bösen hingewiesen, der unter den gegebenen Umständen zum Ursprung aller übrigen Arten des Bösen wird – auf die Leidenschaft der Habgier.

„Wir aber haben den Geist Christi“ (1 Kor 2,16), verkündete der heilige Apostel Paulus im Namen der gesamten christlichen Kirche. Wir Christen müssen denken, müssen urteilen, müssen sprechen, wie unser menschgewordener Gott gedacht, geurteilt und gesprochen hat. Eine solche Einheit mit dem Herrn müssen insbesondere die Hirten der Kirche gewissenhaft in sich einpflanzen, gewissenhaft erziehen, gewissenhaft bewahren, denn auf ihnen lastet die heilige Pflicht, alle christlichen Mitbrüder zur Tugend und zur Errettung zu führen.  – In der bevorstehenden Angelegenheit mögen die Gespräche, Ratschläge und Unterweisungen der Hirten darauf gerichtet sein, die Herde davor zu bewahren, dass sie sich von den Leidenschaften mitreißen lässt. Hirten! Lehrt sowohl die Gutsbesitzer als auch die Bauern, die sich an euch um Rat wenden werden, dass sie sich im Geist der Demut und in tugendhafter Selbstverleugnung in häufigem Gebet an Gott wenden und Seine Güte anflehen, damit Er es gewähren möge, weise das große vaterländische Werk zu planen, umzusetzen und zu vollenden, das dazu berufen ist, den Staat zur Blüte des Wohlergehens zu erheben. Lehret die Schafe Christi, stets auf der Weide Christi zu weiden, ihre Seele also unablässig mit der Lehre Christi zu nähren, denn diese gebietet es, gewissenhaft und unverbrüchlich die Liebe, den gegenseitigen Frieden, Barmherzigkeit und Güte zu bewahren, durch die alle Leidenschaften abgewehrt werden, in welch wohlgestaltete Hüllen und Tücher auch immer diese sich kleiden, um die Menschen zu verführen. Wo sich die Gemüter erhitzen, da ist der verborgene Antrieb stets die Leidenschaft. Wahrhafte Tugend ist dagegen immer von unverrückbarer Ruhe des Geistes begleitet, von einer stillen und starken Demut, die stets das Merkmal dafür ist, dass sich das Herz unter der Führung und Vormacht einer gesunden Vernunft befindet. Hirten! Bewahrt und beachtet unabweichlich und heilig die hier vermittelte Unterweisung. Verwendet all eure Aufmerksamkeit darauf, dass in dieser Angelegenheit der geistliche Aspekt, der durch das Gesetz Gottes, durch eure priesterliche Berufung selbst euch anvertraut ist, seine Würde bewahrt, wie sie ihm im Evangelium klar und deutlich gewiesen ist. Die fromme und gottgefällige Lenkung der Seelen, die ihr versorgt und unterstützt, wird zweifellos auch auf die materielle Seite der Sache ihren positiven Einfluss ausüben. Haltet euch zugleich gewissenhaft von der Einmischung in die weltlichen Anordnungen fern, ebenso von jeder Erörterung darüber und sogar von jeglichen privaten, sozusagen insgeheimen Gesprächen und Empfehlungen hinsichtlich dieser materiellen Seite der Angelegenheit. Dies ist euch sowohl durch das Gesetz Gottes als auch durch das Gesetz des Staates untersagt. Indem wir treu unsere heilige Pflicht tun, die uns von Gott gegeben und auferlegt ist, erfüllen wir unsere christliche Verpflichtung, die wir dem Herrn schulden, wie auch unsere Pflichten als Untertanen gegenüber unserem gottergebensten Herrscher, dem Zaren. Unser von der engelsgleichen Güte seines Herzens geführter Zar ist gewillt, allen seinen Untertanen ohne Ausnahme zu höchstem Wohlergehen zu verhelfen.

Das Konsistorium hat diesen Hirtenruf an alle Dekanate der Provinz Stavropol zu versenden, die ihn unverzüglich allen ihnen unterstehenden Pfarreien weitermelden und diese unterschriftlich auf die genaue und unausweichliche Einhaltung der hier vermittelten Unterweisung verpflichten sollen. Ebenso ist er der Führung des Seminars zu übermitteln, zur strengen eigenen Anleitung und zeitgerechten Bekanntmachung an die Zöglinge der Geistlichen Schule – die werdenden Hirten der Kirche.

Ignatij,

Bischof der Kaukasus- und Schwarzmeerprovinz

17. Januar 1859


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Hier nun der Verriss von A. Herzen („Iskander“) – die handschriftlichen Anmerkungen von Bischof Ignatij in rot in der rechten Spalte
(Er schreibt über sich in der 3. Person):

A. I. Herzen (Pseudonym „Iskander“)

Der Sappeur in Christus Ignatij

Wir hatten nie besonderes Vertrauen zu Bischöfen aus der Pioniertruppe, denn stets schienen uns Menschen, die Pontons über zeitliche Flüsse bauen, zweifelhafte Pontifexe zu sein, wo es um ewige Brücken geht, auf denen die Seelen in paradiesische Gefilde aufsteigen sollen. Nehmen wir zum Beispiel den Bischof und Sappeur Ignatij[1], ehemals Archimandrit der Sergius-Lavra und vieler Moskauer Magdalenen Lehrer[2], nun aber hochwürdigster Vladyka von Stavropol, der ein empörendes Pamphlet[3] zur Bauernfrage verfasst hat. Ziel des Pamphlets ist eine christlich liebevolle Denunziation des Archimandriten der Geistlichen Akademie von Kazan Joann[4], der ein „Wort über die Befreiung der Bauern“ (in der Januarausgabe von „Pravoslavnyj Sobesednik“ [Orthodoxer Gesprächspartner] veröffentlicht hat, und in frommem Eifer zu beweisen, dass Knechtschaft eine gottgewollte, von den heiligen Vätern der Orthodoxen Kirche gutgeheißene und von gottesfürchtigen Zaren befestigte Einrichtung ist.[5]

Dieser Rzewuski[I] im Mönchskittel vergleicht die Kazaner Akademie und insbesondere den Verfasser des „Worts über die Befreiung der Bauern“ mit „Wölfen im Schafspelz“, die die Stände gegeneinander aufbringen, den Thron untergraben, den Altar usw.[6] Anschließend geht dieser Sappeur im Engelsstand zur Untersuchung der Geschichte der Leibeigenschaft in Russland über und beweist, dass die Sklaverei von Gott Selbst eingesetzt worden sei, und der Bauer nur zu dulden hat und an seine Befreiung nicht einmal denken darf.[7] Hierbei konzentrierte sich die Polemik auf den Text den Apostels Paulus (Erster Brief an die Korinther, Kapitel 7, Verse 20-23), wo es heißt: „Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon!“ Im kirchenslawischen Evangelium ist dieser Text bekanntlich verfälscht, dort heißt es: „Wenn du frei sein kannst, so versklave um so mehr dich selbst.“ In der russischen Übersetzung aber, die unter Alexander I. von der Bibelgesellschaft angefertigt und dann verboten wurde, ist die Stelle so übersetzt, wie es jetzt von der Kazaner Akademie wiederhergestellt wurde, also „mach lieber Gebrauch davon“.[II] Daran übt der Sappeur in Christus Ignatij Kritik und beschuldigt die Akademie, sie habe das Apostelwort dem Volke zu Gefallen verfälscht.[8] Hätte der Bischof einen Funken Anstand, würde es ihm genügen, nur einmal wenn schon nicht in den griechischen und lateinischen, so doch wenigstens in den französischen oder deutschen Text zu schauen – zumindest das Französische beherrscht er ja (in dieser Sprache hat er die Magdalenen unterwiesen). Da steht es gerade so, wie die Akademie es sagt. Ferner protestiert der Bischof gegen den Fortschritt, spottet darüber, dass die Akademie diesen Begriff verwendet, schließt mit einer Apologie der Knechtschaft und beweist, dass es keinen glücklicheren Zustand als die Leibeigenschaft gibt.[9] Wir hörten, dass es auf den Aleuten und auf Kamtschatka verbohrte Sünder geben soll, die weder an die Heiligkeit der Sklaverei noch die seelenrettende Wirkung von Stockhieben, noch die Unbeflecktheit herrischer Gewalt glauben – bleibt nur, bei Rostovcev[III] nachzusuchen, man möge den Sappeur in Christus Ignatij dorthin versetzen.[10]


[I] Henryk Rzewuski (1791–1866), ein polnischer Autor und Verleger, der die Positionen der Kirche und der Aristokratie verteidigt hat; seit 1850 Sonderbeauftragter beim Statthalter des Zaren in Polen, Fürst I. F. Paskewitsch (Anm. d. Hg.).

[II] Diese durch die russische Bibelgesellschaft (in der antiorthodoxe und antikirchliche Tendenzen die Oberhand hatten) erarbeitete Übersetzung des Neuen Testaments mit parallelem kirchenslawischen und russischen Text erschien seit 1821 in mehreren Auflagen, worde dann aber verboten. Der Hauptgrund dafür war gerade die Übersetzung der Stelle 1 Kor 7, 21, wo die „diametrale Gegensätzlichkeit des Sinns der slawischen und der russischen Übertragung“ augenfällig war … Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Übersetzer nicht ihne Hintergedanken von dem slawischen Text abwich, um eine liberale Tendenz einzuführen. Jedenfalls sah die Führung darin einen offenkundigen Plan, die Bauern gegen die Gutsherren aufzuhetzen, daher wurde die Herausgabe unterbunden.“ (Skabičevskij A. M.: Očerki istorii russkoj cenzury: (1700–1863), St. Petersburg 1892, S. 209). Vergleiche dazu die detaillierte Analyse der Übertragungen dieser Schriftstelle im „Hirtenruf“. In der Synodalübersetzung der zweiten Hälfte des 19. Jh. wird diese Stelle so wiedergegeben: „Wenn du zum Knecht berufen bist, lehne dich nicht auf; und wenn du auch frei werden kannst, mach Gebrauch von dem, was besser ist.“ (Anm. d. Hg.)

[III] Ja. I. Rostovcev (1803–1860) General-Adjutant, einer der Leitenden des Komitees zur Vorbereitung der Bauernreform (Anm. d. Hg.) .

[1] Bischof Ignatij hat nie bei den Sappeuren gedient, sondern bei der Genietruppe, und war lediglich ein halbes Jahr im aktiven Dienst.

[2] Ignatij war niemals Abt der Sergius-Lavra oder Geistlicher für die Moskauer Damen.

[3] Ignatij hat keinerlei empörendes Pamphlet verfasst, auch keine Denunziation hinsichtlich der Bauernfrage, sondern zwei Hirtenbriefe an den Klerus der Kaukasusprovinz, um sie vor den empörenden Artikeln der Iskanderisten in Schutz zu nehmen.

[4] Die hier von Iskander angesprochenen Artikel, die im Geiste Iskanders gehalten sind, sind nicht von Archimandrit Joann verfasst, sondern von Professor Ščapov, der seine prodemokratische Haltung erwiesen hat und aus der Kazaner Geistlichen Akademie ausgeschlossen worden ist, sogar seinen geistlichen Rang eingebüßt hat und in der Festung von Petersburg festgesetzt worden ist.

[5] Im Hirtenruf des Bischofs Ignatij wird die Notwendigkeit der Aufhebung des Leibeigenschaftsrechts klar und deutlich dargelegt und der Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass sich dies durch Regierungsverordnung vollziehen möge, nicht aber auf die Losungen der Iskanderisten hin, die sich hinter der Bauernfrage verstecken wie unter einem Schirm, aber Aufruhr und Revolution anzetteln wollen.

[6] Ignatij hat immer gesagt und sagt es auch heute, dass der Iskanderismus danach strebt, das Christentum im Vaterland zu zerstörenund den Zar vom Thron zu stürzen. Ab dem ersten Wort seiner Replik an Bischof Ignatij definiert Iskander sein Verhältnis zum Christentum, indem er den namen Christi verunglimpft..

[7] Im Hirtenruf des Bischofs ist eine gerade entgegengesetzte Lehre ausgeführt, nämlich, dass die Knechtschaft eine Folge des Sündenfalls der Menschen ist.

[8] Üble Verleumdung, wie sie die gesamte geistlose iskandersche Replik beseelt!

[9] Üble Verleumdung und Lüge, würdig des Gewissens von Iskander!

[10] Endlich tritt unfreiwillig Iskanders Gesinnung zutage! Er und seine Partei wollen Ignatij auf Kamtschatka oder den Aleuten verstecken. Wieso? Weil er sehr gefährlich für sie ist, da er ihre Pläne versteht und entlarvt, und daher jene warnen kann, welche die Iskanderisten gern aufs Schafott führen würden.


Zu diesem Text hat der heilige Ignatij im Februar 1860 die folgende polemische Antwort verfasst.

Kommentar

zur Replik der Zeitschrift „Glocke“ an den Bischof des Kaukasus Ignatij

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Zuerst einmal verwendet der Herausgeber der „Glocke“ in seiner Replik an den Bischof des Kaukasus Ignatij den Namen Christi, des Erretters der Menschen, mit Spott. Tiefstes Mitleid verdient ein Mensch, der ein derartiges Gefühl gegen seinen Erlöser und Gott in sich hegt. Wer dagegen nahe bei seinem Erlöser und Gott geschmäht wird, muss sich in geistlicher Hinsicht glücklich schätzen (Mt 5,11). Die Herren Verleumder Seiner Zeit nannten Ihn Zimmermann, oder Sohn eines Zimmermanns: Wieso sollte dann Bischof Ignatij nicht in christlicher Geisteshaltung die Bezeichnung „Sappeur“ aushalten? Hat ein solcher doch als wichtigstes Werkzeug die Axt, ist doch sein Tun im Wesentlichen das eines Zimmermanns.

Die biografischen Angaben über Bischof Ignatij in der „Glocke“ sind vollkommen falsch. Ignatij diente nie bei den Sappeuren. Nachdem er seine Ausbildung in der Pionierschule erhalten hatte, diente er lediglich sechs Monate als Offizier der Genietruppe beim Bau der Festung Dinaburg; anschließend wurde er aus dem Dienst entlassen und ging 1827, als er zwanzig Jahre alt war, in ein Kloster. Durch seinen freiwilligen Klostereintritt verzichtete er auch freiwillig auf sein Recht, Leibeigene als Erbe zu besitzen oder sie zu erwerben. Ignatij war zu keinem Zeitpunkt Vorsteher der Moskauer Sergius-Lavra und hatte keine Bekanntschaft mit frommen Moskauer Damen, vielmehr war er 24 Jahre lang Vorsteher der Sergius-Einsiedelei nahe Petersburg [Troice-Sergieva Pustyn bei Strelnyj, gegründet 1734; Anm. d. Hg.]. Als Vorsteher der Einsiedelei hat Ignatij vielen Personen des bäuerlichen und kleinbürgerlichen Standes den Übergang in den freien Stand ermöglicht – durch seine Fürsprache und sein Geld: D. h., indem er sein Geld und seine Bemühungen auf eine solche Sache verwendete, hat Ignatij in der Praxis seine Ansicht unter Beweis gestellt, dass eine recht verstandene und genutzte Freiheit für den Menschen ein Gut ist. Für solche Zwecke wurden einige tausend Rubel aufgewendet. Als Ignatij die Führung des Kaukasus-Bistums übernahm, war eine seiner ersten Handlungen eine Vereinbarung mit der staatlichen Besitzverwaltung über die Umwandlung der Dienstposten beim Hof des kaukasischen Bischofs in eine Finanzleistung. Ignatij stimmte zu, für jeden Bediensteten die Hälfte des jährlich für einen Arbeiter in Stavropol üblichen Preises anzunehmen. Diese Angelegenheit wurde dem Zaren und Herrscher vom ersten Fürsten des Kaukasus vorgebracht und dessen höchster Sanktion gewürdigt.

Der Herausgeber der „Glocke“ ist zur Person des Ignatij ebenso ungerecht wie auch zu dessen Artikel. Bei diesem Artikel des Bischofs handelt es sich um nichts anderes als seinen Hirtenruf an die kaukasische Geistlichkeit, ein internes Dokument des Bistums, das Außenstehenden nicht bekannt ist. Wo die „Glocke“ den Bischof selbst mit Vorwürfen überschüttet, überzieht sie den Hirtenruf mit Verleumdungen. Die Grundlosigkeit dieser Verleumdungen würde einem jeden sogleich offenbar, wenn dieser Hirtenruf öffentlich gemacht worden wäre.

Ein solches Verhalten der „Glocke“ ist in der Geschichte der Kirche nichts Neues. So haben zum Beispiel schon die Papisten das Verhalten und die Schriften des Patriarchen von Konstantinopel Photios mit Verleumdung überzogen, allein dafür, dass er energisch gegen diese Papisten auftrat; man vergaß zwischen allen Vorwürfen auch nicht, dass Photios vor seinem Patriarchat Höfling gewesen war. Warum sollte daher nicht auch ein Vertreter des Jakobinertums den Bischof Ignatij Beschimpfung und Verleumdung dafür aussetzen, dass dieser es gewagt hat, sein Wort gegen die Partei und die Pläne der Jakobiner zu erheben?

Die „Glocke“ behauptet, Bischof Ignatij „protestiert … gegen den Fortschritt, spottet darüber, dass die Akademie diesen Begriff verwendet, schließt mit einer Apologie der Knechtschaft und beweist, dass es keinen glücklicheren Zustand als die Leibeigenschaft gibt.“[a] Dabei kommt im Hirtenruf des Bischofs das Wort „Fortschritt“ überhaupt nicht vor. Wenn man unter der Bezeichnung „Fortschritt“ das Voranschreiten der Menschheit im Christentum, in den Tugenden, den Wissenschaften, den Künsten verstehen will, so ist Ignatij mit beiden Händen für einen solchen Fortschritt. Er ist aber Gegner eines jakobinischen Fortschritts, der nach Voranschreiten in der Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit, nach Sturz aller Mächte und Gesetze und nach dem moralischen und politischen Tod der Menschheit strebt.

Hinsichtlich des Leibeigenenrechts ist im Hirtenruf fundiert dargelegt, dass dieses Recht nicht zeitgemäß und seine Abschaffung absolut notwendig ist. Allerdings kommt im Hirtenruf auch der Wunsch zum Ausdruck, dass diese Abschaffung des Leibeigenenrechts durch die Regierung erfolgen möge, bei Bewahrung der staatlichen Ordnung, nicht aber durch einen Volksaufstand im Ergebnis der jakobinischen Losungen. Gerade das aber gefällt einer Partei nicht, deren ausländischer Vertreter die Glocke der Empörung läutet und die Bauern zu den Äxten ruft.

Die „Glocke“ nennt den Hirtenruf des Bischofs eine Denunziation. Dabei betrifft eine Denunziation stets etwas Verborgenes. Der Hirtenruf aber wurde geschrieben, als der Artikel der Jakobiner in den Petersburger und Moskauer „Vedomosti“ schon gedruckt und folglich in ganz Russland bekannt war. Der „Hirtenruf“ erging aufgrund dringender lokaler Notwendigkeit und, wie bereits gesagt wurde, ausschließlich an den Klerus des Kaukasus-Bistums. Der Bischof wünscht sich von Herzen, dass die weiteren Ereignisse beweisen mögen, der Hirtenruf sei überflüssig und die Jakobinertexte unschädlich. Hier wird man abwarten müssen, wie sich die Dinge entwickeln.[b] Zwischen Aussaat und Ernte vergeht eine bestimmte Zeit. Der Name des Archimandriten Joann wird im Hirtenruf überhaupt nicht erwähnt: Dies tut nur der Herausgeber der „Glocke“, vermutlich zu Unrecht, denn im „Sobesednik“ fehlt bei den in Rede stehenden Artikeln die Autorenangabe.[c] – Der Glocken-Artikel ist also rundweg eine Denunziation und Verleumdung des Bischofs Ignatij.

Nachdem die „Glocke“ die unbezweifelbare Dummheit des Bischofs Ignatij damit „bewiesen“ hat, dass dieser ja Sappeur war, nimmt sie im Weiteren die bescheidene Verpflichtung auf sich, ihn zu belehren, und erklärt dem Bischof, wie er die Verse 20-23 des 7. Kapitels aus dem ersten Brief des heiligen Apostels Paulus an die Korinther recht zu verstehen habe. Welch erstaunliches Phänomen! Einer, der Christus schmäht und sein Feind ist, versucht sich an der Auslegung der Lehre Christi. Dafür diente ihm natürlich als Vorbild die Frechheit jenes Feindes Gottes, der es wagte, dem menschgewordenen Wort Gottes Selbst das Wort Gottes zu erklären (Mt 4,6). Im Hirtenwort sind verschiedene Übersetzungen dieses Textes angeführt, dazu die Auslegung des Textes durch den heiligen Johannes Chrysostomus. Aus dieser Auslegung wird deutlich, dass die slawische Übersetzung in aller Präzision den Gedanken des Apostels wiedergibt. Bischof Ignatij hält es für seine unumgängliche Pflicht, dem Grundsatz der Orthodoxen Kirche zu folgen, der es verbietet, die Schrift willkürlich auszulegen, und gebietet, sich ohne Abweichungen an die Auslegungen der Schrift durch die heiligen Väter zu halten[d]; er hält es für seine unabdingbare Pflicht, der Auslegung des genannten Textes durch den heiligen Johannes Chrysostomus zu folgen, und verweigert es deshalb, die von der „Glocke“ nahegelegte Erklärung und Belehrung in Betracht zu ziehen. Würde der Herausgeber der „Glocke“ die griechische und lateinische Sprache kennen, hätte er erkannt, dass bei dieser Auslegung der griechische Text mit einer überaus präzisen lateinischen Übertragung zugrunde lag (vgl. Novum Testamentum Graece et Latine, Paris 1842); er hätte sich bei der Empfehlung zurückgehalten, die französische Übersetzung des Neuen Testaments heranzuziehen, weil das Französische seiner Struktur nach keineswegs den Anforderungen einer genauen Übertragung genügt, sondern notwendigerweise zu Umschreibungen gezwungen ist. In der deutschen Übersetzung des Neuen Testaments von Luther ist der Sinn des griechischen Textes dagegen exakt wiedergegeben.[e]

Die „Glocke“ beschuldigt Ignatij, dass er die Lehre der Jakobiner für umstürzlerisch gegen den Thron (Herrscher), den Altar (d. h. die Kirche) usw. halte. Das ist völlig richtig: Ignatij hat diese Überzeugung und wird daran auch festhalten, egal ob im Kaukasus, auf Kamtschatka oder den Aleuten. Die Bauernfrage steht im System der Jakobiner vornan wie ein Schutzschirm, hinter dem sich aber ganz andere Fragen verbergen. Die Jakobiner drängen danach, die ganze Macht in ihre Hände zu bekommen, wie sie es in Frankreich versucht und verwirklicht haben. Viele gutherzige Menschen, auch viele Aristokraten sind dem Ruf nach Freiheit gefolgt: Ihren Fehler haben sie erst auf dem Schafott erkannt. Entgegen ihren Erwartungen mussten auch die Girondisten es besteigen. Ereignisse, denen ihr Lauf gelassen wird, ziehen zwangsläufig andere Ereignisse nach sich, mit denen niemand gerechnet hat und die auch von den Anstiftern der vorhergegangenen Geschehnisse nicht vorhergesehen worden waren. Dies ist das Gesetz der aufeinanderfolgenden Tatsachen.

Die „Glocke“ bezeichnet den Hirtenruf des Bischofs Ignatij als Pamphlet. Eine solche Bezeichnung kann sich keinesfalls auf den Hirtenruf beziehen. Dieser ist in ernsthaftestem Tone verfasst und strotzt sozusagen vor Zitaten aus der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern. Die Replik der „Glocke“ auf den Bischof dagegen hat unabweislich die Bezeichnung Pamphlet verdient, da sie völlig aus Schimpf und Verleumdung besteht. Es wäre für die „Glocke“ angemessener gewesen, die im Hirtenruf dargelegte Lehre als entschieden gegen die Lehre und die Ziele der Jakobiner gerichtet zu bezeichnen. Liegt doch gerade darin auch der wesentliche Grund ihres zornigen Geläuts! Der Sappeur ist hieran nicht schuld! Nicht Unterhaltungen mit Damen auf französisch missfallen den Herren strengster Sittlichkeit! Schuldig ist der Ankläger des jakobinischen Systems und seiner Pläne. Die Jakobiner mögen es nicht besonders, entlarvt zu werden. Sie handeln lieber insgeheim, hinter Hüllen und Masken, und wiegen ihre Opfer in Sicherheit und Schlaf. Sie hoffen durch diese Art des Handelns erfolgreich zu sein, und wer auf sie aufmerksam wird und ihr Handeln aufdeckt, der ist ein Verbrecher und jeder Strafe würdig. Der Herausgeber der „Glocke“ redet von sich im Plural, als würde er für die ganze Partei reden: „Wir hatten nie besonderes Vertrauen zu Sappeuren“, die er „zweifelhafte Pontifexe“ nennt. Jeder kann deutlich erkennen, dass es sich hier um Lügen und nicht um die Wahrheit handelt, nicht um Misstrauen, sondern um stumpfen Hass: In Russland gab es nie einen Bischof aus der Pioniertruppe, dafür aber hochwürdigste Bischöfe aus den Reihen der Soldaten: Der Metropolit von Kiew Petro Mohyla kehrte dem Militärdienst den Rücken und trat ins Kloster ein; der heilige Slawenapostel und Bischof Method diente in seiner Jugend beim Militär. Der heilige Dimitrij von Rostow war Sohn eines Hauptmanns und Adliger. Voller Eifer widerstanden sie den kirchenfeindlichen Lehren ihrer Zeit. Im Übrigen hat die „Glocke“ auch nichts dazu gesagt, zu welchem der heutigen Bischöfe man dort überhaupt Vertrauen hat.

In den Spalten der Skandalzeitschrift ergießen sich reichlich Beschimpfungen auf die Metropoliten Filaret, Grigorij und andere Hierarchen der Russischen Kirche. Warum nur? Sie waren doch gar keine Sappeure! Der Grund liegt vielmehr darin, dass diese Hirten tiefgründige Christen sind und eine Lehre verkünden, die den Ansichten der „Glocke“ völlig entgegensteht und auf die Hirne und Herzen wirkt, wobei sie der „Glocke“ nur die oberflächliche Wirkung auf die Ohren überlassen. Wie soll einer nicht zornig werden, wenn er pausenlos die „Glocke“ läutet und ungeduldig auf die Wirkung des Läutens hofft! Die christliche Lehre wohlgesonnener Hirten aber offenbart, wie hohl dieser Klang ist; sie kann den Klang gänzlich wirkungslos machen. Mag dieser Klang durch seine Neuartigkeit anfangs Interesse geweckt haben, so wurde schnell allen bewusst, dass die „Glocke“ eine inhaltsleere Zeitschrift ist. Wer den Tratsch der Petersburger jakobinischen Kreise kennt, der findet ihn abgedruckt in der „Glocke“ wieder. Der Ursprung dieses Journals wie auch des Jakobinismus ist ein falsches Denken; seine Waffen sind Sophismen, Ironie und Schimpf; sein Charakter ist blinde Frechheit, Ablehnung von Wahrheit, Liebe, Anstand und Sitte. Auf einfache Gemüter kann sie anziehend wirken, doch fehlt ihr Überzeugungskraft. Jeder tiefsinnige Mensch erkennt augenblicklich, wie die „Glocke“ Freiheit versteht und diese benutzt, er versteht, dass ein von solch fanatischen Anführern gelenktes Volk zwangsläufig in Aufruhr geraten muss und zu Axt und Messer greift. Die „Glocke“ ist offener Feind und Verleumder Christi und des Christentums. Für einen christlichen Hirten ist Hass auf ihn höchstes Lob; dagegen wäre Lob von Seiten der „Glocke“ für ihn höchst entehrend. Ein christlicher Hirte kann sich den Segen der „Glocke“ nicht anders verdienen als durch Verrat am Christentum.

Die „Glocke“ beschuldigt den Ignatij, er vergleiche die Akademie und insbesondere den Verfasser des „Worts über die Befreiung der Bauern“ mit „Wölfen im Schafspelz“. Ignatij hat aber die Worte des Evangeliums und ihre Auslegung durch die heiligen Väter in jenem heiligen Sinne verwendet, wie ihn diese Worte im Evangelium besitzen; jegliche Häresien und Irrlehrer, die sich hinter der Maske der Wahrheit verbergen, werden mit ihnen als Wölfe bezeichnet, nicht sind es unvernünftige Vorwürfe an eine einzelne Person, wie es die „Glocke“ unterstellt. Über diese Person steht im Hirtenruf kein Wort, es wird lediglich auf die Zeitschrift „Sobesednik“ verwiesen, wo sich Artikel jakobinischer Gesinnung eingeschlichen haben. Ignatij hat die Lehre der Väter der Orthodoxen Kirche darüber dargelegt, wie falsche und verderbenbringende Gedanken von richtigen und guten unterschieden werden. Dabei hat er weder die Akademie noch den Verfasser des „Worts“ angesprochen, sondern die Irrlehren allgemein, und auf Artikel verwiesen, die in jakobinischer Gesinnung verfasst sind, damit zu einer verderbenbringenden Irrlehre gehören und, im Sinne des Evangeliums, reißende Wölfe sind, gehüllt in Schafpelze.[f] An dieser Überzeugung hält Ignatij auch heute fest.

Die „Glocke“ macht sich zum Anwalt der Geistlichen Akademie und des Verfassers dieser Artikel und erklärt Ignatij zu deren Feind. Ist eins wie das andere gerechtfertigt? Kann die „Glocke“ Anwalt der Geistlichen Akademie sein, wo doch diese Akademie um die Festigung und Entwicklung des Christentums im Vaterland bemüht ist, die „Glocke“ hingegen das Christentum zu vernichten sucht? Das ist ein hinterhältiges Unterfangen, mit dem die „Glocke“ die Akademie gegen den Bischof Ignatij aufzubringen sucht. Ganz im Gegenteil sorgt sich Bischof Ignatij eifrig um den Erfolg der geistlichen Ausbildung und ihre Quellen, die Geistlichen Akademien. Er selbst wurde bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr von Professoren des Seminars von Vologda und Zöglingen der Moskauer Akademie im Gottesgesetz, im russischen Schrifttum und in der lateinischen Sprache unterrichtet. Ignatij, der den Zustand des Christentums in Russland aus der Praxis kennt, wünscht sich von Herzen, dass die Geistlichen Akademien sich entwickeln, vervollkommnen und immer mehr erblühen: Auf ihnen gründet der geistliche Wohlstand der Kirche; auf ihnen ruht die Verpflichtung, den unzähligen heutigen Irrlehren zu widerstehen, sie zu entlarven und die Kirche vor ihnen zu schützen. Die moderne Gelehrtheit der Welt erfordert unumgänglich eine entsprechende Gelehrtheit des führenden Klerus. Dieses kirchliche Bedürfnis kann keinesfalls durch die Klöster befriedigt werden, in denen der Asketismus den Vorrang hat, und das fast ausschließlich in seiner einfachsten Form. Im Bischofsrang schenkt Ignatij seine besondere Aufmerksamkeit jenen Personen, die eine Ausbildung an der Akademie erhalten haben, weil sie der Kirche besonders von Nutzen sein können. Ebenso weiß er auch, dass die Jakobinerpartei nur zu gern in die Geistliche Akademie vordringen würde, um durch die Neuheit ihrer Ideen auf die Jungen und Unerfahrenen einzuwirken. Es ist ja bekannt, dass vom Jakobinertum angezogene geistliche Personen sich sehr stark im Interesse dieser Partei engagieren können, wie man es in Frankreich beobachten kann. Hierum geht es also: Die „Glocke“ sähe es nur zu gern, dass die Akademie, verzaubert von solch bemerkenswerter Logik und unnachahmlicher Tugendhaftigkeit, ihr aufs Wort glaubt, sich auf ihre Seite schlägt und zu ihrem Werkzeug wird, Ignatij zu ihrem Feind erklärt und dabei hilft, wie von der „Glocke“ empfohlen und von allen Jakobinern lange erträumt, den Ignatij, der ihnen so verhasst ist, auf die Aleuten zu entsorgen.

Die „Glocke“ ist sehr bemüht zu beweisen, dass die Meinungen der jakobinischen Artikel, die Eingang in die Zeitschrift der Kazaner Akademie gefunden haben, dieser Akademie eigen sind. Umsonst! Das Erscheinen dieser Texte geschah infolge eines Einzelfalls; kaum waren sie erschienen, hörten sie auch schon wieder auf zu erscheinen. Immer wieder sind in der Kirche Irrlehren entstanden, und oft standen die höchsten Hierarchen und selbst Patriarchen hinter ihnen. Sind diese Irrlehren deshalb etwa unabdingbarer Bestandteil der Kirche und ihre Lehre geworden? Die Kirche hat vielmehr bewiesen, dass diese ihr fremd sind; jene aber haben dadurch, dass sie lehrten, was der Kirche fremd ist, selbst bewiesen, dass sie nicht zur Kirche gehören (1 Joh 2,19). Ebenso hat auch die Akademie diese Artikel jakobinischen Charakters abgewiesen und somit bezeugt, dass die Artikel und ihre Richtung nicht zu ihr gehören. Irrlehren sind aufgetreten und werden auftreten: Dies ist charakteristisch für den gefallenen menschlichen Geist. Auch in der heutigen Zeit müssen wahre und irrige Meinungen aufeinandertreffen. Die Akademien sind Arenen, in denen solche Meinungen frei oder auch gezwungenermaßen aufeinanderprallen. Deshalb liegt auch das besondere Augenmerk der höchsten geistlichen Führung auf ihnen. In der Kirchengeschichte sehen wir viele Fälle, wo ehrwürdige und gelehrte Menschen sich irrten und Irrlehren annahmen oder hervorbrachten. Wenn sie sich, nachdem man sie dessen angeklagt hatte, von ihren irrigen Meinungen lossagten, wurde ihnen ihre zeitweilige Abweichung von der Wahrheit seitens der Kirche nicht als Schuld angerechnet. Allein ein Beharren auf Irrlehren zog den Ausschluss aus der Kirche nach sich. Jedoch galt auch ein solcher Ausschluss nur bis zum Zeitpunkt der Reue: Unbußfertigkeit erst machte die Trennung endgültig.

Bischof Ignatij muss gerechterweise die Einmütigkeit und Einhelligkeit jener Partei anerkennen, der sich der Herausgeber der „Glocke“ zurechnet. Dieser Herausgeber fordert aus England die Verbannung des Ignatij auf die Aleuten: Dasselbe hat Ignatij schon in den letzten Tagen seines Aufenthalts in Petersburg von Jakobinern und den von ihnen verführten Dummköpfen vernommen. Man hat ihm diesen Wunsch offen ins Gesicht gesagt: „Sie“, sagte ein guter, alter Bekannter zu ihm, „müsste man in den Kaukasus oder nach Kamtschatka schicken!“ (Das Schicksal hat für Ignatij den Kaukasus ausgesucht). Und er gab zur Antwort: „Liebend gern würde ich nach Kamtschatka fahren, wäre nicht die schlechte Gesundheit im Wege.“

Beenden wir diese traurigen Anmerkungen mit dem ehrlichen Herzenswunsch, dass die Bauernfrage sich erfolgreich klären möge, zu Freude und Zufriedenheit des Volkes und des Zaren, ohne Unruhen, ohne Erschütterungen des Staates, ohne dass der Klang der ausländischen jakobinischen Glocke und anderer jakobinischer Glocken und Glöckchen das Volk aus der Ruhe bringt, damit die Freiheit der leibeigenen Bauern für sie selbst und für ganz Russland ein Geschenk des Zaren sein möge, nicht aber die Folge der jakobinischen Ideen, Pläne und Losungen.

Stavropol im Kaukasus, … Februar 1860


[a] Es fällt ins Auge, dass die im Hirtenruf hinsichtlich der Bauernfrage schon zwei Jahre vor dem Allerhöchsten Manifest über die Aufhebung des Leibeigenenrechts geäußerten Gedanken dem entsprechen, was im Manifest dargelegt ist.

[b] Leider haben die Ereignisse bewiesen, dass die Warnungen des Bischofs im Hirtenruf vollkommen begründet waren. Sie sind darin vorhergesehen und vorhergesagt worden.

[c] Später hat sich herausgestellt, dass diese Artikel der Feder von Herrn Ščapov entstammen, einem Professor der Geistlichen Akademie sowie der Universität von Kazan, der von der geistlichen Leitung für seinen Versuch, Unruhe zu stiften, aus dem Klerus entfernt worden ist. Beide Zöglinge des Kazaner Priesterseminars, die in die Geistliche Akademie aufgenommen wurden, haben sich zu seiner Unterstützung hinreißen lassen. Letztere Tatsache unterstreicht, wie notwendig die Warnung des Bischofs für den Klerus des Kaukasus gewesen ist.

[d] Es ist an dieser Stelle nicht überflüssig, das Verhältnis Iskanders zu den Schriften der heiligen Väter zu verdeutlichen. Er nennt dieses Heiligtum „Nonsens von Basilios dem Großen und anderen Geistesverführern“ (N. V. Elagin: Iskander Herzen, [Berlin 1859,] S. 119) [Zitat stammt aus einem Brief an Herzen, der mit einer zustimmenden Antwort Herzens in „Poljarnaja zvezda“, London 1856, Bd. 2, S. 244) veröffentlicht wurde; Anm. d. Hg.]

[e] Der Herausgeber der „Glocke“ bemüht sich zu versichern, dass Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther die Sklaven zur Auflehnung gegen die Sklaverei aufruft, ist sich dabei aber bewusst, dass der Apostel es anders sah, als er an die Römer schrieb. Iskanders Verhältnis zum heiligen Apostel ist wie folgt: „Apostel Paulus hat der Lehre Christi wesentlich weniger Schaden zugefügt, als er unter dem Namen Saulus die Christen hemmungslos verfolgte, im Vergleich zu seiner Zeit als Apostel, wo er die Idee Christi selbst verfälschte, weil er ihr seine berüchtigte Lehre von der Notwendigkeit der Unterordnung unter jegliche Macht hinzufügte. Dadurch hat er Christus mehr geschadet als selbst Judas Iskariot“ (Elagin, S. 50 f.).

[f] Die Ansicht des Bischofs Ignatij ist später durch Tatsachen belegt worden: Der Verfasser der Artikel Ščapov hat die Bedeutung seiner Artikel durch sein Handeln ans Licht gebracht und erwiesen.

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